Liebes Tagebuch

Die Panne auf dem Bergpass von La Cumbre war sehr ungünstig. Die nächsten zwei Wochen verbringt der Wagen in der Werkstatt. Nach dem Austausch von ein paar Teilen. mache ich wieder Testfahrten zurück nach La Cumbre und das Verhalten in der Höhe verbessert sich, aber ist noch nicht ideal. Auf diesen Fahrten kann ich das Bergpanorama im strahlenden Sonnenlicht erst richtig genießen. Ich komme sogar an einer Herde Lamas vorbei, die am Rande eines Baches grast. 

Nach der Reinigung des Kühlsystems und des Austausch der Kühlkappe und Schaltung wird es weitergehen. In der Zwischenzeit erkunden wir die Verwaltungshauptstadt Boliviens. 

Auf dem Papier ist Sucre die Hauptstadt Boliviens. In der nicht befinden sich jedoch die meisten Ministerien und der Regierungssitz des Landes in La Paz und machen die Stadt zum höchstgelegenem Verwaltungssitz der Welt.

Das Stadtzentrum Sopocachi befindet sich auf 3524 Metern Höhe und wir beziehen dort wieder ein Airbnb. Um uns herum ragen die Hochhäuser und die bebauten Hänge der Berge in den Himmel. Wir wohnen mitten im modernen Finanzviertel der Stadt. In der Ferne können wir den Illimani mit seinen 6438 Metern wie einen gewaltigen Riesen aufragen sehen. Weitere 6000er Berge wie der Huayna Potosi (6088 Meter) sind ebenfalls in Sichtweite. 






Die Stadt prägt eine Mischung aus alter Tradition und Moderne. Das sehen wir durch den Kontrast aus dem feinen Finanzviertel, in dem wir wohnen, sowie den hochmodernen Seilbahnen, welche die ganze Stadt erschließen und im Gegensatz dazu die traditionell gekleideten bolivianischen Frauen, die cholitas, die man in jeder Straße sehen kann, und den Märkten für magische Artikel für Rituale zuhause und auf dem Berg.

Die Stadt ist extrem spannend und sprüht vor Kreativität. Das kann man an den schönen Graffiti in den Künstlervierteln, aber auch auf dem großen Friedhof sehen, der eine eigene kleine Stadt bildet.




Die Stadt erstickt im Verkehr. Und das, obwohl gar nicht so viele Leute im eigenen Auto unterwegs sind. Dafür gibt es eine Million Minivans mit Nummern und Schildern, welche Anzeigen, wo sie hinfahren.

Diese kleinen Busse halten überall, wo jemand ein- oder aussteigen möchte. Das hilft jedoch nicht für einen flüssigen Verkehr. 

Bei der Rückkehr einer weiteren Testfahrt auf den Pass von La Cumbre fährt mir mitten im wildesten Gewimmel ein Taxifahrer in die Leiter meines Wagens und versucht dann von mir Geld zu bekommen. Er probiert alles, um mich einzuschüchtern.

Er droht mit der Polizei, die ja bekanntermaßen sehr korrupt im Land ist, gibt damit an wie viele Jahre er unfallfrei in der Stadt unterwegs gewesen ist, meint dann, Leitern an Fahrzeugen wären verboten in Bolivien und dass es doch viel einfacher wäre, wenn ich ihm jetzt Geld geben würde. Ich lasse mich nicht darauf ein und er soll die Polizei rufen. Es dauert eine Stunde, bis die kommt. Zwei Beamtinnen befragen uns und suchen vergeblich nach Zeugen. Dann befragen sie uns nochmal und verschwinden dann. Bevor sie weg sind frage ich noch, was denn nun das Ergebnis ist. Ich habe Recht – der Fall ist erledigt. Hätte man mir auch von selbst sagen können.



Die Stadt selbst erstreckt sich über tausend Höhenmeter und es ist kein Wunder, dass man jüngst ein Netz aus Seilbahnen, die teleféricos, zum öffentlichen Nahverkehr gemacht hat. Darüber erkunden wir die Enden der Stadt. Ohne Grenze geht die Stadt in El Alto über.

Man sollte annehmen, dass es ein Stadtviertel von La Paz ist, aber vor uns wird immer wieder betont, dass es eigenständig ist. Dort führt uns eine Seilbahn auf einen Aussichtspunkte auf 4092 Metern Höhe. 



Wir nutzen diese Seilbahnen reichlich, um bequem zu den anderen Enden der Stadt zu kommen und die Aussicht zu genießen. Die Bahnen sind gerade einmal im Jahr 2014 in Betrieb gegangen und die Gondeln und die Stationen sind hochmodern.

Das Netz ist das größte der Welt. In fünfzehn Minuten zu Fuß erreichen wir drei verschiedene Stationen und verschiedene Linien, die farblich deutlich gekennzeichnet sind.





Während Santa Cruz uns sehr künstlich vorkam und es nichts zu sehen gab, außer der Kathedrale, lässt uns La Paz ständig erstaunen. Das Panorama mit den umgebenden teils besiedelten Höhen der Anden ist unglaublich. An klaren Tagen ragt darüber der Berg Illimani wie ein Titan. La Paz hat eine große Altstadt und während Santa Cruz auf dem Reißbrett angelegt wurde herrscht in La Paz in allen Bereichen ein gewisses Chaos.

Man braucht eine gute Kondition, um im Gewirr der Straßen Höhen zu erklimmen, um ans Ziel zu kommen. Auch Uber gibt es nicht und man muss mit traditionellen Taxis auskommen. Es sei denn, man nimmt die Seilbahn. Damit erklimmen wir auch die Höhe, um nach El Alto zu kommen, und dort auf über 4000 Metern Höhe über die Stadt zu schauen.




Bolivien ist Spitzenproduzent eines besonders delikaten Produktes: coca. Man sieht häufig Männer oder Frauen mit dicker Backe, die sie sich anscheinend mit den Blättern der Pflanze vollgestopft haben. Es wird überall im Land produziert, besonders aber in der Gegend von Yungas, die wir auf dem Weg nach La Paz durchquert haben. Im Land wird Coca rege für alles genutzt, sei es für Tee, Limonade, zum Kauen zwischendurch oder eben als Kokain. Den Tee zumindest teste ich und der ist in Ordnung. 

Das Geschäft mit Coca blüht und die Produzenten des Landes sind mächtig. Die Regierung will diese Macht einschränken, aber die Coca-Branche wehrt sich. 

Wöchentlich gibt es Ausschreitungen von Menschen in den Vierteln, die nach Yungas führt. Felix, der Mechaniker, erklärt mir, dass dieses Coca Kartell den Machtkampf gewinnt und sogar die Polizei unter ihre Kontrolle gebracht hat.

Auf einer meiner Testfahrten nach La Cumbre gerate ich mit dem Auto mitten in eine solche Demonstration und bin gezwungen einen sehr steilen Umweg zu nehmen. 

Wir erkunden alle Seiten von La Paz, bis unser Wagen endlich fertig ist. Dann müssen wir die Höhe von El Alto erklimmen, um zum Titicacasee zu gelangen. Doch schon hier läuft der Wagen wieder zu heiß und als wir es endlich auf die 4070 Meter geschafft haben landen wir mitten im Chaos von El Alto. Die Straßen wurden von den Menschen als Platz für Marktstände benutzt und von hier scheinen alle Menschen ihre Minibusse in die umgebenden Ortschaften zu nehmen. Diese Stadt ist die verkehrstechnische Hölle. Erst nach Stunden mit viel Blut, Schweiß, Öl und Benzin kommen wir aus dem Gewusel heraus und erreichen das offene Altiplano, die weite Ebene zwischen den Gipfeln der westlichen und östlichen Anden auf 4000 Metern Höhe.




Nach unserer Panne auf 4703 Metern haben wir viel Zeit, um La Paz kennenzulernen. Diese Stadt fasziniert und zeigt uns viele ihrer Gesichter. Wir sehen die Kontraste aus Moderne und Tradition an jeder Ecke. Durch die teleféricos kommen wir leicht in jeden Teil der Stadt und können sie und ihre Bergwelt über den Wolken in vollem Ausmaß sehen.

Auf den Straßen sehen wir Geschäftsleute neben traditionell gekleideten Frauen sehen, den cholitas, die La Paz ihren besonderen persönlichen Charakter geben. Diese traditionsbewussten Frauen sind ebenfalls geschäftsbewusst und betreiben Kioske für Zeitungen und Früchte, aber auch magische Utensilien für die Zaubersprüche des Alltags. Und sie können kämpfen!

Die Straßen von La Paz zieren Hochhäuser aus Glas und halb verfallene Altbauten. In allen Vierteln kann man jedoch unglaublich schöne Straßenkunst finden. Besonderen Graffiti zeichnen das Künstlerviertel mit seinem Markt aus. Aber auch der riesige Friedhof der Stadt, der Cementario General de La Paz, ist nicht nur ein Ort der Totenruhe, sondern eine eigene kleine Stadt, in der den Verstorbenen durch traurig schöne Wandmalereien gedacht wird.

Als wir die Stadt verlassen hat unser Auto wieder mit der enormen Steigung und der Höhe zu kämpfen. Letztendlich erreichen wir über das Altiplano den legendären Titicacasee und stolpern über die Spuren von Thor Heyerdahls Kon Tiki.



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