Liebes Tagebuch

La Paz hat eine ganz besondere Mischung aus Moderne und Tradition. Während auf der einen Seite Leute in Anzügen vor neuen Hochhäusern aus Glas stehen spazieren ganz selbstverständlich traditionell gekleidete Damen vorbei. In der Stadt sieht man viele Frauen mit fülligem Körperbau und in der typischen bolivianischen Kleidung mit dem bauschigen bunten Rock, der Jacke und dem runden Hut: die cholitas.

Die Herkunft der Bezeichnung klärt Wikipedia: „Als chola oder cholita – abgeleitet von cholo – werden indigene Frauen in Bolivien und Peru bezeichnet, die sich nach einer in den 1920er Jahren aus Europa nach Südamerika importierten Mode mit ursprünglich für Männer entworfenen Hüten kleiden.

Aus der Wikipedia-Erklärung von „Cholo“ erfahre ich, dass sich „Cholo“ in Bolivien auf Menschen mit verschiedenen Graden indianischer Abstammung bezieht. In Bolivien hat der Begriff „Cholita“ frühere Vorurteile und Diskriminierungen überwunden, und Cholitas werden jetzt als solche angesehen Modeikonen. Ein „Cholo“ ist in Bolivien ein Campesino, der in die Stadt gezogen ist, und obwohl der Begriff ursprünglich abwertend war, ist er eher zu einem Symbol der indigenen Macht geworden. Das Wort „Cholo/a“ wird als gebräuchliches und/oder angesehen offiziell genug Begriff in Bolivien, so dass „Cholo“ als eigene ethnische Gruppenoption in im Land durchgeführte demografische Erhebungen aufgenommen wurde Cholo als abfälliger Begriff.



Wir sehen Cholitas in den Straßen spazieren oder an Kiosken im Verkauf.

Die Hüte und die Röcke unterscheiden sich, aber der Stil und die dazugehörigen Proportionen sind immer gleich.



In der Altstadt gibt es einen Markt der Hexen. Hier findet man Läden, in denen Cholitas Zaubersprüche für alles anbieten. Wir streifen durch die Straßen und Geschäfte und sind… fasziniert. Kräuter, Steine mit Symbolen, Rauchwerk und… getrocknete Alpakababies. Wahlweise auch als Föten. Für besonders schwere Zauber. Traditionell nutzt man diese Magie gerne, um die Götter um ihr Wohlwollen zu bitten. Wenn man zerbrechliche Waren in einem maroden Lastwagen über 5000 Meter hohe Pässe transportieren will ist sicher jede Hilfe recht.

Hätten wir in Yungas mal besser nicht nur 3 Bolivianos, sondern einen Alpaka Fötus geopfert. Man sollte immer alles dabei haben, um vorbereitet zu sein. 

Einem Zauber können aber auch die Hexen nicht widerstehen, und das ist das sonnige Lachen von Leon. Jede Cholita schmilzt dahin, wenn sie den Kleinen und seine neugierigen Augen sieht. 



Cholitas können aber auch anders, und zwar die harte Tour. Irgendwo hatte ich einmal von einem ganz besonderen Wrestling in La Paz gehört und hier fällt es mir wieder ein: Cholitas Wrestling! Klingt absurd, ist es auch! Ich besorge uns Karten und wir fahren nach El Alto, um uns das Ganze selbst anzuschauen. 

Eine Sporthalle ist dort reserviert für dieses Event, das wöchentlich stattfindet. Ich lese, dass die Frauen dieses Wrestling als Sport betreiben und stolz darauf sind vor Publikum aufzutreten.

Und stolz können die Frauen sein, denn obwohl das Ganze lächerlich klingt, betreiben die Frauen diese Schaukämpfe unter den harten Bedingungen, ihrem Alter, ihrer Körperform und ihrer Kleidung, sehr professionell. Natürlich handelt es sich auch um eine willkommene Geldquelle, wenn vor allem Touristen zu dieser Veranstaltung kommen und Eintritt bezahlen. Die Mehrheit der Zuschauer sind Ausländer, die in den ersten Reihen sitzen. Doch auch Einheimische wohnen dem Kampf bei und wir setzen uns lieber zwischen diese.



Natürlich gibt es auch, wie beim Vorbild in den USA, einen Moderator, der das Geschehen möglichst dramatisch kommentiert. Der erste Kampf findet unverständlicherweise zwischen zwei Männern statt und ist nicht besonders spannend. Dann kommen aber zwei Cholitas im Ring zusammen und wir sind erstaunt, wie sich die fülligen Frauen in den extrem unpraktischen Klamotten durch die Luft werfen. Es gibt immer eine kleine Story, eine klar gute Person und die eindeutige Böse, sodass das Publikum schnell eine Seite ergreift.

Das ist besonders dann von Bedeutung, wenn die Artistinnen den Ring verlassen und sich in den Rängen zwischen den Zuschauern prügeln. Auch wir räumen schnell Leon und all sein Spielzeug ein, als eine schwarzgekleidete Darstellerin im Totengewand ihre Kontrahentin die Treppen zwischen uns hinunterschleudert.




Nach unserer Panne auf 4703 Metern haben wir viel Zeit, um La Paz kennenzulernen. Diese Stadt fasziniert und zeigt uns viele ihrer Gesichter. Wir sehen die Kontraste aus Moderne und Tradition an jeder Ecke. Durch die teleféricos kommen wir leicht in jeden Teil der Stadt und können sie und ihre Bergwelt über den Wolken in vollem Ausmaß sehen.

Auf den Straßen sehen wir Geschäftsleute neben traditionell gekleideten Frauen sehen, den cholitas, die La Paz ihren besonderen persönlichen Charakter geben. Diese traditionsbewussten Frauen sind ebenfalls geschäftsbewusst und betreiben Kioske für Zeitungen und Früchte, aber auch magische Utensilien für die Zaubersprüche des Alltags. Und sie können kämpfen!

Die Straßen von La Paz zieren Hochhäuser aus Glas und halb verfallene Altbauten. In allen Vierteln kann man jedoch unglaublich schöne Straßenkunst finden. Besonderen Graffiti zeichnen das Künstlerviertel mit seinem Markt aus. Aber auch der riesige Friedhof der Stadt, der Cementario General de La Paz, ist nicht nur ein Ort der Totenruhe, sondern eine eigene kleine Stadt, in der den Verstorbenen durch traurig schöne Wandmalereien gedacht wird.

Als wir die Stadt verlassen hat unser Auto wieder mit der enormen Steigung und der Höhe zu kämpfen. Letztendlich erreichen wir über das Altiplano den legendären Titicacasee und stolpern über die Spuren von Thor Heyerdahls Kon Tiki.


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