Liebes Tagebuch

Über das Altiplano fahren wir nach Nordwesten. Wir haben den Anstieg nach El Alto letztendlich geschafft und haben La Paz verlassen. Die Gegend ist karg, aber viele Menschen haben ihre Häuser mitten ins Nirgendwo gebaut. Ich frage mich, wie sie ihre Adresse angeben. Hinter den kargen Hügeln können wir die schneebedeckten Giganten der Anden und am Horizont das Glitzern des großen Sees ausmachen. 

Wir haben schon lange kein Grün mehr gesehen. Die Welt besteht aus verschiedenen Nuancen Braun. Am Rand der Straße sehen wir Kühe und alte Cholitas. Unvollständige Häuser weit und breit, jedoch ohne offensichtliche Perspektive auf eine Fertigstellung. 

Bald erreichen wir den Titikaka See und wir folgen dem üppig mit dem typischen Schilf bewachsenen Ufer. Auf der Karte habe ich gesehen, dass bei Huatajata ein Kon Tiki Museum auf dem Weg liegt. Das will ich sehen und so motiviere ich Sara und Leon dazu mitzukommen. 

Das Museum wird von einem Mann mit seiner Cholita geführt. Der Herr stellt sich stolz als Sohn eines Mitglieds der Crew vor, die einst Thor Heyerdal auf seiner Expedition mit dem Binsenboot Kon Tiki begleitete. Stolz zeigt er Fotos der Seereise und darüber hinaus Informationen über die weiteren Reisen mit den Booten Ra I und II sowie der Tigris. Es ist spannend ihm zuzuhören. Er hat selbst zahlreiche Modelle der Expeditionsschiffe gebaut und bietet diese zum Verkauf an.



Während ich versuche all die Geschichten für Sara zu übersetzen hat sie ihre eigene Herausforderung mit vier Cholitas, die ihr Decken, Jacken, Schals und mehr zum Verkauf anbieten. Leon interessiert sich wieder für Mode, noch für Geschichten, sondern zeigt auf die im Hof rennenden Hühner, mit denen er gerne spielen möchte.

Draußen am Ufer hat der Mann sogar ein großes Binsenboot gebaut, das ich mir ansehen darf. Es ist den Modellen nachempfunden, das auch für die Kon Tiki und die anderen Boote zum Vorbild diente. Einige Erfahrungen und jeder eine Alpakajacke reicher fahren wir ein kurzes Stück weiter und rasten am Ende eines Kais mit fantastischem Sonnenuntergang über dem See

Genau rechtzeitig vor der Dunkelheit kommt ein anderes großes Binsenboot an. Der Kapitän und Leon winken sich gegenseitig zu. Auch einige Fischer kommen in kleinen Booten vorbei und erwidern unsere Grüße. Die Nacht ist kristallklar und die Sterne leuchten in Scharen am Himmel. Das einzige Geräusch ist nur noch das Keckern der Blässhühner. Auch wenn wir es noch nicht wissen, ist das die Ruhe vor dem Sturm, denn am nächsten Tag steht die Fortsetzung unserer Reise kurz vor dem Scheitern.




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