Die Stadt von Dichtern und Schafsmagen



Liebes Tagebuch

Schottland – Das sind schroffe Küsten und einsame Täler von berauschender Schönheit, ein Nationalgetränk von nicht weniger berauschender Wirkung, und mit Edinburgh eine Hauptstadt, die aus jeder ihrer Gassen Geschichte atmet.

Es ist die erste Reise, die ich mit Uwe antrete. Vor wenigen Monaten haben wir uns in meiner neuen Heimat Bonn kennengelernt und wir verstanden uns direkt prächtig. Wir merkten auch, dass wir gleich zwei Gemeinsamkeiten haben: eine Liebe für Reisen sowie eine Neigung zu gutem Whisky. Es dauerte nicht lange, da wurde die Studienreise zu den weltbesten Destillerien geplant und durchgeführt.

Ich überlege noch einen weiteren Freund als Verstärkung hinzuzuholen. Ich kenne Chris noch gar nicht lange und eher durch seine frischgebackene Exfreundin. Er ist quasi mein Mentor in der Welt der Whiskys, ein toller Kerl, zu dem ich gerne den Kontakt aufrecht erhalten würde und meiner Ansicht nach gerade in der besten Situation für eine ordentliche Ablenkung. Und wenn mich meine Menschenkenntnis nicht ganz trügt wird er sich mit Uwe blendend verstehen, da bin ich mir sicher.

Als Uwe und ich Chris in einem Skype Anruf den Plan klarmachen, was wir alles in unserer Zeit sehen wollen, hält er uns für verrückt und den Plan für unmöglich. Aber geil.



Bestens gelaunt erreichen Uwe und ich Edinburgh, den Start unserer Reise. Wir haben noch viel Zeit, bis Chris die Stadt von Frankfurt aus erreicht.

Diese Zeit nutzen wir schon einmal, um unser Hotel zu beziehen und die Gegend zu erkunden.





Bei der Besichtigung der Stadt darf ein Besuch des Scott Monument nicht fehlen. Dieses Wahrzeichen würdigt jedoch nicht die Schotten, sondern den Schriftsteller Sir Walter Scott, der bekannte Romane schrieb, darunter Rob Roy, The Lady of the Lake und Ivenhoe. Dieser Autor ist jedoch nur einer von vielen. Entweder das schlechte Wetter oder der gute Whisky inspirierte scheinbar viele Männer dazu sich hinzusetzen und zur Schreibfeder zu greifen.

So zum Beispiel auch Robert Louis Stevenson, der 30 Jahre in Edinburgh verbrachte und die legendäre Geschichte von „Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde„, die „Schatzinsel“ und weitere Exemplare der Weltliteratur zu Papier brachte.

Auch Sir Arthur Conan Doyle fand in der schottischen Stadt seine Inspiration für die Kriminalromane um Sherlock Holmes. Sir James Matthew Barrie schrieb Peter Pan und vor wenigen Jahren erlange J. K. Rowling Weltruhm durch ihre Harry Potter Reihe. Die Anregungen der Autorin für die Namen der Charaktere und dem Aussehen der sagenhaften Zauberschule findet man über die ganze Stadt verteilt.



Uwe und ich machen als erstes natürlich in den Pubs halt. Es ist zwar noch früher Mittag, aber für unsere Studien müssen wir uns alle Mühe geben und auch leiden, wenn es sein muss. Und so betreten wir Pub für Pub und testen die Biere und Ciders.

In einer Bar wundere ich mich über Uwes Bestellung. Er möchte gerne „Snakebite“ haben und der Wirt schüttelt den Kopf, dass sie das nicht anbieten. Er erklärt sich aber bereit uns die Zutaten auf den Tisch zu stellen.

Umgehend steht das kleine Tischlein vor uns voller Gläser. Jeder ein halbes Pint Ale, ein halbes Pint Cider und ein Shot Johannisbeersaft. Mischt man alles zusammen erhält man den Snakebite. Ich bin begeistert!



Ich habe ein Hotel direkt in der Innenstadt für uns gebucht. Luxuriös, wie ich bin, fand ich gleich eine Unterkunft für drei Personen mit Frühstück. Allerdings stellt sich heraus, dass von den drei Personen zwei in einem Doppelbett schlafen müssen und dass uns das Frühstück gänzlich unromantisch in Pappkartons und sehr viel Plastik vor die Zimmertür gestellt wird.

Immerhin, ich schalte schnell und entscheide, dass die Übernachtung im Doppelbett die beste Gelegenheit für Uwe und Chris ist, sich direkt intensiv kennenzulernen. Es ist der Beginn einer wunderbaren und voller homoerotischer Witze geprägten Freundschaft.




Auf der Suche nach guten Pubs fällt mir direkt neben unserer Unterkunft eine Bar namens „Jekyll & Hyde“ auf. Anhand der aufgedruckten Totenköpfe und Werbung für von mir geliebte Metal-Bands auf der Webseite schließe ich, dass es sich nicht um ein Literaturcafé handeln kann.

Neben großartiger Musik bietet das Etablissement auch eine gute Auswahl an Ales, Ciders und Whiskys. Außerdem findet genau an diesem Samstag auch eine Gothic-Party statt.

Die zu Vampiren geschminkten jungen Schönheiten runden das Wohlgefühl ab. Wir trinken, tanzen und haben Spaß. Vor der Bar kommen wir mit einem angetrunkenen Gast ins Gespräch, der uns mit seiner Art von Begeisterung erklärt, dass einer der Vorzüge dieser Bar ist, dass es sich bei bei Veranstaltungen dort selten um reine „Sausage Parties“ handelt. Der Begriff bleibt hängen.



Über der Stadt thront auf einem mächtigen Basaltblock Edinburgh Castle. Am Eingang erstehen wir den Explorer-Pass, der in den kommenden Wochen unser treuer Weggefährte ist. Seit 700 Jahren spielen sich auf der Burg die großen Dramen der schottischen Geschichte ab und viele Belagerungen entschieden über das Schicksal des Landes.

Heute ruhen hier die schottischen Kronjuwelen und mit ihnen der sagenumwobene „Stone of Scone“ auf dem seit dem Mittelalter zunächst die schottischen, später die englischen Könige gekrönt wurden. Selbst Queen Elizabeth hockte bei Ihrer Krönung mit ihrem königlichen Hintern auf diesem gleichsam legendären wie unbequemen Sandsteinblock.



Eine unrühmliche Abenteuerfahrt erfuhr der geschichtsträchtige Stein erst vor wenigen Jahrzehnten: Am 25. Dezember 1950 wurde der Stone of Scone von sowohl patriotischen als auch betrunkenen schottischen Studenten aus Westminster entführt und nach Schottland geschmuggelt. Da er beim Ausbau in zwei Teile zerbrochen war, wurde er heimlich repariert. Nachdem bekannt gegeben worden war, wo sich der Stein befand, wurde er von der Polizei sichergestellt und nach London zurückgebracht. Diese ist eine dieser typischen Geschichten, die mit einem „halt mal mein Bier“ beginnt.

Auch die Engländer sahen nun ein, dass der Stein geschichtlich genug durchgemacht hat und gaben ihn 1996 zurück an die Schotten.

Jeden Tag pünktlich um ein Uhr Mittags wird von der Burg ein Kanonenschuss abgefeuert, nach dem die im Hafen ankernden Schiffe ihre Uhren stellen. Jeden Tag? Außer es ist ein hoher Feiertag – wie zum Beispiel der 2. Juni 2013, der 60. Jahrestag der Thronbesteigung ihrer königlichen Hoheit Queen Elizabeth. Schade.



George Heriot’s School – Das Modell für Hogwarts



Ziemlich schnell begegnen wir den typischen schottischen Klischees. Dudelsackspieler geben ihre Kunst im hauseigenen Kilt zur Schau. In jeder Bar erhält man den feinsten Whisky. Die Highlands lassen sich von Orten mit Ausblick in der Nähe erahnen. Der Duft von Schafen und Torf liegt uns beinahe in der Nase.

Es fehlt nur noch ein weiteres Puzzleteil zu unserem kulinarischen Glück dieses Landes. Haggis.

Eine kurze Beschreibung davon, wie man Haggis macht, bietet ein Charakter aus dem freundlichen Familienfilm „Armageddon“:

My favorite dish is haggis. Heart, lungs, liver. You shove that all in a sheep’s stomach, than you boil it. That’ll put some hair on your ass!

Max, Armagaddon (1998)



Ein grandioser Ausblick über Edinburgh bietet sich vom Calton Hill, auf dem unter anderem das Nelson Monument thront, dass 1807 in Gedenken an Nelsons Sieg bei der Schlacht von Trafalgar errichtet wurde. Eine tonnenschwere Holzkugel auf der Spitze des Turms signalisiert synchron mit dem Kanonenschuss der Burg die Zeit.

Die Parallele passt gut, wenn man bedenkt, das Admiral Nelson während seinem Sieg gegen die Armada bei Trafalgar durch eine Kanonenkugel am Kopf ums Leben kam.




Ein Rundgang durch die Stadt führt vorbei an mehreren Orten die J. K. Rowling beim Scheiben ihrer Harry Potter Romane inspirierten. Von ihrem Stammplatz im Elephants Cafe blickte sie auf die viertürmige George Heriot’s School – das spätere Hogwarts.

Und nur einen Steinwurf entfernt auf dem Greyfriars Kirkyard finden sich die Grabmäler eines gewissen Tom Riddle und eines Herrn McGonagall.



Die Hafenanlagen von Leith waren bis vor wenigen Jahren noch eine zwielichtige Gegend und Zentrum des Drogenhandels und der Prostitution. Schade, denken wir. Berühmt wurde Leith als Schauplatz des Romans „Trainspotting“.

Wir haben uns auf den Konsum von Whisky im „Teuchters Landing“ beschränkt, wo wir beim „Hoop of Destiny“ unser Glück versuchten: Drei Würfe mit dem Hoop – und egal auf welcher Flasche er landet, man bekommt ein Glas davon. Der Trostpreis ist der berüchtigte „Sheep Dip“.

Der letzte Tag in Edinburgh ist vorbei. Wir fahren zum Flughafen und holen uns einen Mietwagen. Damit geht es nun einmal um Schottland herum und bis auf die Äußeren Hebriden. Zuerst starten wir jedoch vor der Haustür der Großstadt und besichtigen ein sehr außergewöhnliches Schiffshebewerk. – Chris & Alex

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