Unser Freund Captain Morgan




Liebes Tagebuch

Wir sind mit unserer Studienreise über die Herstellungsprozesse der Getränkewelt der Eingeborenen in Schottland gut vorangekommen. Die Speyside war sehr ergiebig. Nun besuchen wir die letzte Burg auf unserer Reise: Dunnottar Castle. Nahezu uneinnehmbar steht sie auf einem Fels der von drei Seiten vom Meer umspült wird. Diese außergewöhnliche und strategisch günstige Lage ist auch der Grund dafür, dass sie in einem abenteuerlichen Kapitel schottischer Geschichte die Hauptrolle spielte. Während des Bürgerkriegs 1651 mussten die schottischen Kronjuwelen, die Honors of Scotland, vor den heranrückenden Truppen Oliver Cromwells versteckt werden. Sie wurden nach Dunnottar Castle gebracht.

Nach mehrmonatiger Belagerung zeichnete sich aber die Niederlage der Verteidiger ab und die Kronjuwelen wurden heimlich aus der belagerten Burg geschmuggelt. Wie das geklappt hat, dazu gibt es unterschiedliche Geschichten. Vermutlich ließ man sie bei Nacht und Nebel mit einem Seil zum Strand hinab, von wo sie in einem Korb voll Seegras fortgeschafft und unter dem Boden einer nahen Kirche vergraben wurden.




Es scheint erst einmal so, als würden wir schließlich doch noch im Zelt übernachten müssen. Alle B&Bs in St. Andrews und Umgebung sind entweder ausgebucht oder rufen astronomische Preise auf. Dann jedoch treffen wir in einem Hotel in Crail auf Morgan. Der sieht nicht aus wie jemand, dem man einen Gebrauchtwagen abkaufen möchte und verströmt den Duft eines Mannes, der einem gelegentlichen Glas zu viel nicht abgeneigt ist. Aber er hat ein leerstehendes Haus – und nachdem er hört das wir „Germans“ sind bietet er an es uns für eine Nacht zu vermieten.

Die anfänglichen Zweifel verfliegen schnell, als wir unser dreistöckiges, voll ausgestattetes Domizil direkt am Meer beziehen. Angeblich hat das Haus kein warmes Wasser, aber wir waschen uns eh nie.

Als wir Morgan bei unserer Abreise den Schlüssel zurückbringen und dabei auf zwei Polizisten treffen, die ebenfalls auf ihn warten, sind wir dann trotzdem froh in bar bezahlt zu haben.




Zum Ende unserer Reise besuchen wir St. Andrews. Die Küstenstadt gilt als Wiege des Golfsports und ist zudem berühmt für seine Universität. Die University of St. Andrews blickt auf eine 600jährige Geschichte zurück, was sie zur ältesten Universität Schottlands macht. Außerdem ist sie eine der angesehensten Hochschulen des gesamten Vereinigten Königreichs. Zu ihren Absolventen gehören unter anderem Prinz William und Imperator Palpatine.

Von der Spitze des St. Rules Tower auf dem Gelände der zerfallenen Kathedrale schweift unser Blick ein letztes Mal über das Land… und wir wissen das wir uns noch viele Jahre bei einem Glas Whisky an diese Reise zurückerinnern werden.



Epilog

Wir bringen Chris zum Flughafen. Uwe und ich haben noch eine Nacht länger in Schottland und überlegen, was wir damit anfangen können. Wir entscheiden uns einen Ort zu suchen, der nicht zu weit entfernt vom Flughafen Edinburgh entfernt ist, damit wir in aller Frühe rechtzeitig unser Flugzeug erreichen können.

Wir entscheiden uns für das Städtchen Linlithgow. Uwe und ich finden dort auch direkt eine passable Unterkunft und gehen in einem Restaurant essen. Während wir uns unterhalten kommt plötzlich ein junger Mann an unseren Tisch. Er habe uns bei unserer Unterhaltung gehört, die nicht auf Englisch war, und er würde sich gerne zu uns setzen und fragen, woher wir sind.

Wir erzählen, dass wir aus Deutschland kommen und Schottland bereist haben. Er ist angetan von uns und lädt uns ein, mit ihm zu einem Pub zu kommen und seine Freunde zu besuchen. Gesagt, getan, wir kommen mit.

Im Pub lernen wir seine Freunde kennen und schauen ihnen beim Billard zu. Uwe und ich kommen mit einem Typen an der Bar ins Gespräch, der uns direkt auf ein Glas Whisky einlädt. Sobald Chris nicht mehr dabei ist lernen wir plötzlich so viele Schotten kennen, wundern sich Uwe und ich.

Plötzlich kommt mir ein komischer Gedanke. „Uwe, haben wir in dem Restaurant vorhin eigentlich gezahlt?“ Uwe guckt mich genauso doof zurück an. „Oh, ne, ich glaube nicht.“

Wir entschuldigen uns bei unseren neuen Freunden und versprechen umgehend wieder zurück zu sein. In dem Restaurant stellt man gerade die Stühle auf die Tische, als wir voller Entschuldigungen auf den Lippen durch die Tür kommen. „Wir haben gar nicht mehr damit gerechnet euch zu sehen“ lacht die eine junge Frau. Scheinbar hat unsere geprellte Zeche hier niemanden aufgeregt. Sie sind einfach zum Lieben, die Schotten. Der Whisky, das sonnige Wetter, die Menschen mit ihrem großen Herzen und dem liebenswerten Akzent: Schottland fehlt mir jetzt schon.


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