Liebes Tagebuch

Die Nachmittagsstimmung ist einfach traumhaft. Nach Stirling und dem Dunstkreis Edinburghs breitet sich plötzlich Einsamkeit aus. Die Straßen werden verlassen und um uns herum sehen wir nur noch Natur. Wir erreichen die legendären Highlands und bekommen ein Gefühl von Schottlands Wildheit.

Es wird Abend und langsam Zeit, um eine Unterkunft zu finden. Wir haben nichts gebucht und verlassen uns auf unser Glück und unseren unwiderstehlichen teutonischen Charme.



In dem Dorf, dessen Name klingt wie eine Jahresplanung, schwärmen Uwe, Chris und ich aus und klopfen überall an, wo es nach einem Bed & Breakfast aussieht. Bei mir macht eine alte Dame auf und lässt mich sofort hinein, um mir ein Zimmer zu zeigen. Alles passt, die Unterkunft ist schön, die Dame viel zu vertrauensselig und der Preis stimmt. Ich rufe die Männer und wir beziehen unsere erste Unterkunft im wilden Schottland.

Das Highland House in Callander, am Eingang zum „Trossachs Nation Park“, ist eine klare Übernachtungsempfehlung. Wo sonst begrüßt der Hausherr seine Gäste beim morgendlichen Frühstück mit deren Nationalhymne auf einem Dudelsack?

Wir trauen unseren Ohren kaum, als beim Frühstück, das natürlich ein „full scottish breakfast“ voller kulinarischer Feinheiten wie Blutwurst, Leberwurst, Schinken und Bohnen ist, plötzlich die deutsche Hymne ertönt. Der Sohn der alten Dame besitzt einen riesige Fundus an Instrumenten, die nötigen Fähigkeiten und auch den passenden Namen für seinen Auftritt. Mit einem schottisch astreinen „Good morning, ladies and gentlemen, my name is Tom Jones, pleased to meet you“ begrüßt er uns mit seinem Dudelsack und beginnt ein Konzert der Nationalhymnen seiner Gäste.




Auf einem kleinen Friedhof am Beginn von Loch Voil ruht Robert Roy MacGregor. Zu Lebzeiten wohl kein Kind von Traurigkeit, entstand durch Literatur und Kino allmählich ein idealisiertes Bild von ihm als Prototyp des tapferen, schwertschwingenden Highlanders.

Spätestens seit dem gleichnamigen Blockbuster mit Liam Neeson in der Hauptrolle, ist Rob Roy auch hierzulande ein Begriff.

Wenn man anderen geschichtlichen Quellen glauben kann war er im echten Leben aber wohl eher ein Gauner und Schafsdieb.




Loch Lomond ist der größte See Schottlands und erstreckt sich über eine Länge von fast 40 Kilometer. An seinem dicht bewaldeten und schwer zugänglichen östlichen Ufer schlängelt sich der West Highland Way entlang.

Vom Genuss des nach dem See benannten Whiskys ist übrigens dringend abzuraten. Was hübsch aussieht muss nicht immer gut schmecken.

Die Straßen in den Highlands bieten ihre eigenen Formen von Adrenalin für mich. Da es sich meistens um Single Tracks, also schmale, einspurige Strecken handelt, die sich um uneinsehbare Kurven winden, muss man ab und zu schnell auf die Bremse treten, wenn ein Schafslaster mit hoher Geschwindigkeit plötzlich um die Ecke kommt. Platz zum Ausweichen gibt es nicht, meistens werden die Single Tracks von kleinen Mäuerchen begrenzt oder enden natürlich an einem See bzw. Abhang.



Auch wenn wir etwas erschüttert darüber sind, dass Robert Roy MacGregor, dessen Name sich nicht mehr vom Gesicht Liam Neesons trennen lässt, vermutlich ein ausgemachter Halsabschneider war, tauchen wir in seine Welt ein. Die Berge sind schon hoch und machen den Highlands alle Ehre.

Zwischen den Hängen breiten sich große und kleine Seen aus, die bekannten Lochs. Wenn man einen Moment an einem Ort verweilt hört man nichts als den Wind. Wenn man weiter verweilt nimmt der Wind die eigenen Gedanken mit und trägt sie in tief in die Highlands hinein.

Zurück auf dem Boden der Realität nehmen wir das Auto und fahren weiter, um von den Geistern Rob Roys und seiner Kollegen zu den Geistern der alten Clans zu kommen, die in ihren kleinen Burgen hausten und die Highlands beherrschten. – Chris & Alex


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