Zwischen den Kontinenten



Liebes Tagebuch

Das ist also Island. Angekommen in Kevlavík ist der erste Eindruck der eines grauen wolkenverhangenen flachen Stückes Land. So kalt und nass wie es aussieht ist es gar nicht… Kaum ausgesprochen setzt ein waagerechter Sprühregen ein.

Die Ankunft auf Island ist etwas besonders Eigenartiges. Der Flughafen liegt außerhalb der Hauptstadt Islands, die zwei Drittel der Einwohner des Landes beherbergt, das selbst insgesamt nicht einmal so viele Einwohner hat wie die deutsche Stadt Bonn. Von Kevlavík wollen wir zur Metropole des Landes, was mit einem Bus etwa 45 dauert.

Doch langweilig wird das nicht. Schon aus dem Flugzeug heraus sehen Chris, Uwe und ich die zerklüftete Landschaft der Insel aus Eis und Feuer. Die Landschaft ist felsig und hat kaum Vegetation. Es ist rau, man spürt, dass man lediglich auf einem Felsen im Nordatlantik steht und man hat das bedrohliche Gefühl, dass jederzeit aus einem der vielen Spitzen am Horizont ein Lavastrahl in den Himmel schießen könnte.

Links und rechts der Straße türmen erstarrte Lavasäulen und vermitteln durch ihre scharfen Spitzen, dass sie noch nicht sehr viel Zeit von ihrer Existenz als heiße Magmamasse trennt.

Obwohl wir in einer der krassesten Umgebungen sind, die Europa und Amerika gemeinsam hervorbringen können, hat unser Bus komfortables Internet – wie auch jeder andere abgelegene Flecken dieser Insel.

Reykjavíks Nachtleben haben wir gegen 23 Uhr Ortszeit scheinbar schon verpasst; wir schlendern durch die niedlichen Fußgängerzonen und sehen vor einer Bar ein ein paar gutgelaunte junge Leute stehen mit der Stimmung der letzten, die noch nicht gehen wollen. Es ist immer noch hell draußen, sodass man problemlos sehen kann. Durch das Suppenküchenwetter merkt man wenig Unterschied zum Tag. Statt Tageszeiten könnte man eher Wetterzeiten unterscheiden. Der Wechsel zwischen Sonne und Regen geht mehrmals ganz schnell und eine Wettervorhersage zu treffen ist hier so sicher wie rückwärts blind besoffen und singend Dart werfen zu wollen.

Bemerkenswert ist der erste Eindruck der Natur: Die Landschaft an der Küste zwischen Reykjavík und Kevlavík ist ein schroffes und sehr konkaves Gebilde aus Haufen, natürlichen Steinmännchen und kleinen Schluchten, das sich zerklüftet zu kleinen Inseln und Zungen bis ins Meer erstreckt.

Man steht auf einem großen Lavafeld, von dem man den Eindruck hat, das es gestern erst erstarrt ist. Lediglich Moos wächst darauf. In der Ferne sieht man hohe Vulkankegel und Bergketten in den Wolken verschwinden. Das Wetter ist unbeständig. Meist ist es gut, doch dann regnet es wieder kurz und heftig. Solange es trocken ist riecht es hier mächtig nach Schwefel.. Island, wir kommen! Die Menschen hier wirken ein bisschen unterkühlt und humorresistent. Sie müssen erst ein bisschen warm werden, bevor sie mal lächeln, und auch dann hat man immer noch das Gefühl zu stören. Mal sehen, ob ich die Wellenlänge zu ihnen noch finde.

Einen Isländer frage ich danach, was denn „bitte“ in ihrer Sprache heißt – worauf die Antwort kam, dass es das nicht gibt. Soviel dazu.

Auf Reykjavik verbringen wir nur eine Nacht in einem furchtbar trostlosen Hotel. Die Insel ist extrem teuer und wir gehen nur ein einziges Mal essen. Einmal, und nie wieder. Trotz der hohen Preise haben die Speisekarten nicht viel zu bieten. Kontinentales Einerlei auf der einen Seite, Wal-Steak auf der anderen Seite. Wir wählen den Walen zuliebe den Einheitsbrei.

Wir leihen uns einen Dacia Duster mit Vierradantrieb, den wir auch beanspruchen werden. Es ist Mai und damit noch früh im Jahr für isländische Tourismusverhältnisse. Die Unterkünfte sind kaum gebucht, die Straßen sind leer und die Campingplätze so verlassen, dass wir nicht einmal Gebühren bezahlen müssen.

Wir schließen auch eine „Sandstrahl“-Versicherung ab, auf Ratschlag unserer Freunde Nina und Sebi. Diese beiden hatten die unangenehme Erfahrung machen müssen, dass der enorme Wind auf der Insel den feinen schwarzen Lava-Sand nutzen kann, um ein Auto in kürze komplett von seinem Lack zu befreien. Das kommt so häufig vor, dass es eine Routine-Zusatzversicherung auf dieser Insel für Autos ist. Man den geringen finanziellen Mehraufwand also nicht scheuen.



Wir fahren die Küste entlang in Richtung Njardvik und halten am Hafen und dem gegenüberliegenden Wikingermuseum. Das klang dem Namen nach sehr interessant. Das kleine Gebäude im Verhältnis zum großen Eintrittspreis lässt uns das ausgestellte originale Drachenboot durch die Fensterscheiben bewundern.

Im unscheinbaren Ort Sandgerði werden wir auf die Skultur Álög aufmerksam und können nicht widerstehen unsere eigene Marke zu setzen.



Die ersten beiden Tage sind trüb und regnerisch, doch das sonnige Glück wird uns dafür den Rest der Reise hold bleiben. Wir verlassen die Stadt ohne eine Krone Bargeld. Auf Island zahlt niemand, also wirklich niemand mit Münzen oder Scheinen. In einer Bar, im Restaurant oder im Supermarkt wird mit Kreditkarte gezahlt, selbst, wenn man nur einen einzelnen Kaugummi kauft.

Unser Plan ist es während unseres Aufenthaltes einmal die ganze Insel zu umrunden und trotzdem genug Zeit für Wanderungen zu haben. Gebucht haben wir nichts; wir verlassen uns wie immer darauf, dass es schon klappt.

Als erstes fahren wir genau dorthin zurück, woher wir gekommen sind, nämlich in Richtung Keflavik.

Wir bekommen einen ersten Eindruck von der kargen Insel. Der schwarze Boden sticht überall zwischen dem Gras heraus. Einzelne Dörfer, Kirchen, die berühmten Islandpferde oder sogar Fischerboote säumen die Landschaft.

Als erstes bewundern wir eine Felsformation, die man als unscheinbar wahrnehmen könnte. Das kann man relativ sehen, da die Landschaft von Island so unglaublich ist, dass man seine Kamera in jede beliebige Richtung halten kann und trotzdem ein atemberaubendes Foto schießt.

In diesem Fall ist diese Formation jedoch besonders, da der kleine Graben vor unseren Füßen nichts Geringeres ist als die Spalte zwischen der europäischen und der amerikanischen Kontinentalplatte.

Eine Brücke verbindet die beiden Kontinente eher symbolisch miteinander; es ist keine Schwierigkeit einfach durch das Geröll zu laufen.



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