Liebes Tagebuch

Kaum in Manila angekommen taten wir also nichts anderes als schnellstmöglich wieder zum Flughafen zu kommen. Wir nahmen eine Maschine in den Süden Luzons zu einer Stadt namens Legaspi. Schon im Anflug sahen wir das Wahrzeichen dieser Stadt 2500 m in ebenem Land in die Höhe ragen, den Vulkan Mt Mayon.

Dieser ausbruchsbereite und potentielle Feuerspucker kostete im Januar diesen Jahres schon einigen deutschen Touristen das Leben, die mitsamt ihrem Führer offenbar von einer unsichtbaren und geruchslosen Kohlenmonixidwolke erwischt wurden. Seitdem darf der Berg nur noch bis zur Hälfte bestiegen werden.



Der eigentliche Grund unseres Besuches dieser Stadt war jedoch nicht Mayon, sondern Walhaie. Und die gab es nicht hier, sondern im zwei Autostunden entfernten Donsol und das auch nur während März und April. Angeblich reizt die Riesenfische um diese Zeit offenbar ein Großaufkommen von Krill, das vor der Südwestküste Luzons aus einem Tiefseegraben nach oben gespült wird. Menschen können den Haien damit relativ einfach in Küstennähe begegnen, wenn von einem Boot aus Ausschau halten und rechtzeitig ins Wasser springen.

Um wieder einmal Kosten zu sparen sprachen wir Leute an, die nach Touristen mit Badesachen im Gepäck aussahen. Dabei gerieten wir an ein sehr nettes deutsches Paar mitsamt abenteuererprobter kleiner Tochter. Mit denen teilten wir uns den Fahrer eines Kleinbusses und einen unglaublichen Blick auf die Ebene, über die beim Sonnenuntergang der Vulkankegel thronte.

Die Fahrt nach Donsol war ebenso schön. Durch gewundene Straßen heizte der Fahrer durch den Dschungel und kleine Dörfer. Nur ab und zu hatte er zusätzlich damit zu tun Jeepneys und Triycicles in uneinsehbaren Kurven zu überholen.

Wir hatten eine Unterkunft in Donsol über ein Webportal gebucht. Allerdings konnte mir keine Onlinekarte genau Auskunft darüber geben wo die gesuchte Unterkunft genau ist. Da es oft keine richtigen Straßennamen und erst recht keine Hausnummern gibt ist das kein Wunder. Unser Fahrer war sich zuerst sicher den Ort zu wissen, musste dann aber doch einige Male nachfragen, um uns schließlich zum falschen Ort zu bringen. Wo man uns natürlich gerne aufnahm und sich die Dame des Hauses enthusiastisch als Lola Erna vorstellte. Jeder in dem Ort sollte sie kennen, wie wir später feststellten.

Das Missverständnis klärte sich erst auf als ich klarmachen wollte, dass ich schon eine Anzahlung getan hatte. Nach etwas Verwirrung stellte sich heraus, dass unsere eigentlichen Gastgeber auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihre Bleibe hatten und heute Abend wohl bedauerlicherweise nicht da waren, da eine Taufe in der Familie stattfand. Natürlich konnten wir aber in unserem Zimmer bleiben.




Das Zimmer war einfach, aber laut. Das machten wir wieder gut, indem ich einen Tryciclefahrer bestellte, der uns zu einem Fischlokal am Wasser bringen sollte. Gesagt, getan, gefahren. Wir landeten im „Barrakuda“, einer unglaublich hübschen offenen Bambushütte direkt auf Stelzen am Strand. Nach einem Aperitif präsentierte man uns in einem Korb den Fang des Tages – darunter natürlich auch Barrakudas – den man in Chili, Zitronengras, Ingwer und Kokos zubereiten würde.

Wir pickten uns die Fische mit den schönsten Augen und überbrückten mit Cocktails und frischem Sashimi, das auf der Zunge zerging, die Wartezeit. Es war sehr luxuriös, zugegeben, aber das hatten wir uns in dem Moment einfach verdient und wir genossen das Ambiente wie die Repräsentanten einer Kolonialmacht – nur, dass diese Macht nun Touristenbranche heißt. Wir sollten in den kommenden Tagen einen Rückfall erleiden und nochmal hierher zurückkehren.



Am nächsten Morgen zogen wir los, um am Strand spazieren zu gehen und eventuell eine neue, gemütlichere Unterkunft zu finden. Wir hatten ein paar Tage hier eingeplant für den Fall, dass man mehrere Anläufe braucht, um einen Hai zu Gesicht zu bekommen. Den ersten Tag wollten wir trotzdem nach all der Hektik erstmal Ruhe haben. Und ich wollte Jani das Schnorcheln beibringen. Bei akuter Scheu vor allem, was sich im Wasser bewegen könnte, gar nicht so einfach.

Obwohl es hier wegen der Walhaie ein Touristenmagnet sein müsste sah man keine Fremden hier. Der Ort war ein kleiner Ort an der Küste, wo Fischer aufs Meer fuhren oder an Land ihre Schiffe reparierten oder Netze flickten. Die Boote hier auf den Philippinen sehen besonders pittoresk aus. Alle Fahrzeuge sind besonders schmal und haben zwei Ausleger. Diese „Bankas“ kann man in der gleichen Form noch in Aufzeichnungen von vor zweitausend Jahren finden. Hier bewähren sie sich perfekt, da man mit diesen Schiffen kaum Tiefgang hat und damit problemlos im seichten Wasser fahren kann. Wir schlenderten die Straße entlang und ließen die Trycicles an uns vorbeiknattern, bis wir in eine ruhige Küstenstraße einbogen. Dort ließen lediglich zwei kleine Jungen ihre Drachen steigen. Das konnte man hier viel beobachten.

Die einfache Straße folgte dem gleichnamigen Fluss Donsol bis zur Mündung und ging in Strand und Mangroven über. Da Ebbe war konnten wir einfach dem Strand weiter folgen zum „richtigen“ Strand Donsols. Und wir waren entsetzt über den hier herrschenden Umweltzustand. Um die Mangroven türmte sich der Müll, der sich dort verfangen hatte. Der Strand war voller Plastik. Und das Wasser war schaumig und schmierig. Das wurde vor den Hütten der Menschen keinesfalls besser. Kinder und Hunde spielten dazwischen. Ins Wasser zu gehen war undenkbar.

Das Ganze wurde erst besser, als wir einen etwas touristischeren Abschnitt erreichten. Es war plötzlich sauber und ich schaute mich um. Hier war keine Hütte, aber ein kleiner überdachter Tisch, an dem offenbar eine Weiße saß und las, und dahinter ein größeres Bambusgebäude. Ich sprach mit der Amerikanerin, die sich als Toni aus Idaho vorstellte, und erkundete das Gelände, was sich als Backpackers herausstellte, und nahm sofort ein Zimmer in Form einer kleinen Hütte. Hier war es ruhig, sauber und günstig. Perfekt in allem!



An dieser Stelle konnten wir den Tag über schnorcheln und planschen und Jani lernte die wunderbare Fauna der Philippinen kennen, bestehend vor allem aus Quallen und Seeschlangen.

Später fanden noch ein paar andere Leute dieses ruhige Plätzchen, Rob aus London und Bex aus Neuseeland, beide Surfer auf Reisen. Niemand von den Gästen hier war mit Walhaien schwimmen oder wusste überhaupt, dass das hier geht.

Der Ort war magisch. In dem großen Bambusgebäude gab ein ein paar Tische und eine Bar. Es wirkte viel zu groß für die wenigen Leute, die es hier hab. Ob hier stets Hochzeiten ausgetragen wurden konnte ich nicht feststellen.

Während man zwischen Palmen beim Sonnenuntergang aufs Wasser starrte konnte man sich durch frischgepresste Säfte von Bukos (grünen Kokosnüssen), Ananas oder Mango saufen, bis einem der Bauch wehtat. Untermalt wurde das Paradies noch von dem Rauschen des Wassers und dem wiederkehrenden „Ge-Ko“ der kleinen und großen gummiartigen Echsen, die überall an den Wänden klebten.



Als die Nacht hereingebrochen war machten wir doch noch einen Ausflug, und zwar zu Lola Erna. Bei ihr konnte man nämlich eine spezielle nächtliche Bootstour machen. Den Fluss ins Landesinnere entlang wuchsen vor allem Mangroven. Doch dazwischen gibt es einige besondere Bäume, die Glühwürmchen magisch anziehen. Dort leben diese strahlfreudigen kleinen Flieger über Generationen hinweg und verlassen ihn auch nicht. Ungefähr so muss die Erde aussehen, wenn man alle Satelliten leuchten lässt, die um sie kreisen. Es war unglaublich diese leuchtenden Schwärme in der Finsternis um Bäume schweben zu sehen.

Wie in Manila auch war auch hier alles zuplakatiert mit Postern für Kandidaten, die sich für die kommenden Präsidentschafts- und Kommunalwahlen zur Verfügung stellten. Bei der Liebe der Filippinos zu grellen Farben sind natürlich auch die Plakate knallbunt.


Woran wir außerdem merken, dass dieser Ort doch keine Touristenstadt ist? Es gibt keine Souvenierläden, keine Postkarten, keine aufdringlichen Schlepper, nirgendwo Internet. Lediglich im wenige Minuten den Strand entlang entfernten „Conservation Center“ erlebten wir plötzlich eine abschreckende Offenbarung zwischen Walhaikostümen, Walhai-T-Shirts und Walhai-Plüschtieren und wunderten uns, wo all diese Touristen sich die ganze Zeit versteckt hatten. Hier ist morgens um 7 Uhr Treffpunkt und Aufbruchsort zur „Haijagd“. Wir werden einem Boot zugeteilt und fahren auch schon aufs Meer. Auf der Banka sind wir 8 Touristen und 4 Crewleute.

Davon fährt einer das Boot, drei halten nach Haien Ausschau und einer von denen springt mit uns ins Wasser, wenn wir bei einem Walhai angekommen sind. Es ist ständig eine angespannte Stimmung.

Das Adrenalin ist hoch. Was wird einen erwarten im Wasser? Wie ist es plötzlich einem so gigantischen Tier gegenüber zu sein? Wie verhält es sich? Man fühlt sich wie ein Marine Soldat, der kurz davor ist aus seinem Landungsboot an den Strand der Normandie zu stürmen. Oder ein Parashooter kurz vor dem Moment, wo die Klappe des Flugzeuges aufgeht.

Wir halten unsere Masken und Flossen bereit und warten, warten und warten. Dann die Aufregung. Wir haben nach knapp zwanzig Minuten den ersten Walhai gesichtet und das Boot steuert direkt auf ihn zu. Es herrscht Hektik. Wir sollen uns bereitmachen und ziehen rasch Flossen und Masken an. Wieder warten wir. Und dann das Kommando: „Jump! Jump! Jump!“

Wie eine vom Fuchs aufgescheuchte Horde Hühner purzeln wir durcheinander. Keiner hat den Hai gesehen und weiß, in welche Richtung man genau schwimmen soll. Wir springen ins Wasser. Ich sehe, wohin der Guide schwimmt und lege alle Energie in die Bewegung meiner Beine. Es ist immer wieder erstaunlich wie schnell man mit diesen Flossen sein kann. Ich überholte den Führer und schaute mich im trüben Wasser um. Dann bemerkte ich wenige Meter vor mir eine gewaltige Schwanzflosse, die einen gewaltigen Körper antrieb, der im grün-milchigen Wasser bis zur Unkenntlichkeit verschwand. Bei der Größe des Tieres verschlug es mir wortwörtlich den Atem, was ich erstmal nicht beachtete. Sauerstoff wird überbewertet. So muss man sich den Leviathan vorgestellt haben. Dann dachte ich daran meine GoPro Kamera, die ich mit einem kleinen Schwimmer in der Hand hielt, auf den Riesenfisch auszurichten.

Ich bemerkte, dass ich schon sehr weit geschwommen war, und tauchte wieder auf, um mich zu orientieren. Unser Boot lag schon weit hinter mir und ich schwamm wieder zurück. Leider hatten die anderen den Hai noch nicht gesehen. Aber wir hatten noch Zeit und weitere Gelegenheiten: „Jump!“ „Jump!“

Wie im Akkord sprangen wir wieder und wieder ins Wasser. Beim nächsten Mal war der Walhai direkt unter uns und ich konnte ihm mit schweren Stößen meiner Flossen folgen. Das Wasser wurde klar und man konnte die volle Größe des Walhais sehen und auch jeden einzelnen der Pilotfische, die gerne an großen Tieren haften und sich durch die Meere tragen lassen.



„Jump!“ Ich bin gerade ziemlich dämlich ins Wasser gesprungen und mit dem Kopf gegen einen der Ausleger der Banka geknallt. Ich orientiere mich, spüre den Guide neben mir uns sehe, dass er in eine Richtung zeigt. Ich paddle dorthin und plötzlich kommt aus dem blauen nichts heraus ein noch größeres Exemplar eines Walhais auf mich zu. Und ich bemerke: Es kommt DIREKT auf mich zu mit aufgerissenem Maul. Sehr viel mehr Adrenalin geht nicht mehr und der anfängliche Drang nach vorne wandelt sich sofort in die Gegenbewegung.

Meine Flossen verwandeln sich in Schiffsschrauben, die vollen Schub den Rückwärtsgang einschlagen und mich um Haaresbreite vor einer Kollision mit dem Ungetüm bewahren. Man sagte uns, dass wir einen Abstand von drei Metern vom Körper und vier Metern von der Schwanzflosse einhalten sollten. Das weiß der Hai aber nicht. In diesem Moment war es eine hydroakrobatische Meisterleistung das Tier gerade nicht zu berühren, weder am Maul, der Rücken- oder der Schwanzflosse. So sehr ich auch versucht war den Walhai anzufassen und seine Haut zu fühlen, desto sehr wollte ich es bei seinem natürlichen Verhalten nicht stören. Kein Tier der Welt mag sich beim Fressen ablenken lassen.

Während ich hautnah neben dem Hai schwimme genieße ich die Pracht des Anblicks. Von oben herab leuchtet das Licht zu Strahlen gebündelt auf die leopardenartig gescheckte Oberfläche des Fisches herab, der Körper schlängelt sich elegant durch das Wasser, weiße meterlange Pilotfische haften an der Seite und unter dem Walhai tauchen fünf gewaltige Mantas entlang. Verweile doch, Moment, du bist so schön…

Es sollte noch Tage dauern, bis das Höhegefühl langsam wieder abflauen sollte. Für mich war es so viel Adrenalin wie beim Sprung aus dem Flugzeug im Sommer des vergangenen Jahres, aber in angenehmerer Form.

Am Nachmittag des gleichen Tages hatten wir noch nichts vor. Ein Tryciclefahrer schlug uns einen Ausflug zu einem Wasserfall und einem unterirdischen Fluss in einiger Entfernung vor. Wir sagten zu und der gute Mann besorgte sich ein kräftigeres Trycicle, mit dem er sich die Entfernung zutraute.



In dem engen Fahrzeug war die Fahrt allerdings nur ein mäßiges Vergnügen. Es ist schön in der warmen Luft durch die schöne Landschaft zu fahren, aber nach spätestens einer halben Stunde bemerkt der eigene Körper doch, wie hart und eng der kleine Beiwagen eigentlich ist, in dem man sich ständig festhalten muss, um durch die Erschütterungen nicht irgendwo gegen zu stoßen.

Der Wasserfall und unterirdische Fluss entpuppten sich als sehr beliebt und stark frequentiert. Zwar nicht bei den Westlern, dafür aber bei den lokalen Touristen. Da es auf Ostern zuging hatten die Filippinos nun Zeit Manila zu verlassen und zu anderen, schöneren Orten zu fahren. An einer Klippe scharten sich die Mutigen, um dort sieben Meter ins Wasser zu springen, während eine lange Schlange über die Felsen hinweg zu einer Höhle reichte, wo auf einem Floß offenbar die Leute ins Dunkle gepaddelt wurden.

Zuviel für uns, wir waren grimmig mit unserem Fahrer, der die Stimmung merkte und auskundschaftete, was er mit uns machen kann. Er schlug vor, erstmal beim Wasserfall zu planschen, bis die Schlange kürzer geworden wäre. Dieser Wasserfall war nicht beeindruckend groß, aber der Fluss hatte den Weg durch eine bizarre höhlenartige Form gefunden. Man musste aufpassen, dass man nicht aus versehen gegen einen unter Wasser hervorragenden Stalakmiten stieß. Vom kühlen Wasser des donnernden Wasserfalls ließen wir uns duschen.

Tatsächlich war wenig später die Schlange zur Höhle auch schon verschwunden. Ein paar Fillipinos waren noch da, die uns überschwenglich begrüßten und die Hände zur Balance boten. Man führte uns zum Floß, dass von zwei Leuten an einem Seil durch die Höhle gezogen wurde, während man darauf saß und mit einer dargebotenen Taschenlampe herumleuchten konnte.

Abgesehen davon gab es kein Licht. Das Floß befand sich auch nicht wie bei westlich verwöhnten Landratten gedacht auf der Wasseroberfläche. Vielleicht sind wir einfach zu fett, aber das Floß trieb etwa zehn Zentimeter UNTER Wasser, was zumindest soweit egal war, als dass wir sowieso immer Badesachen anhatten. Gruselig war es in der Dunkelheit trotzdem, vor allem, weil uns unser Fahrer vorher erzählt hatte, dass die Höhle während der Regenzeit vor Schlangen wimmelte, die vom Regen von den Bäumen hier hineingespült werden.

Das schönste Gefühl der Reise schlich sich jetzt langsam ein. Das Wasser war nahe, ob Meer oder Fluss, es war immer warm. Man trug nicht viel am Körper, immer etwas Leichtes und Schnelltrocknendes, und sprang ins Wasser, wann man wollte. Es ist fast wie ein Gefühl von Nacktsein, aber nicht im Sinne von Nichts zu haben, sondern Nichts zu brauchen. Und das ist Glück.

Am nächsten Tag machten wir uns wieder auf den Weg nach Legaspi und Manila. Ostern stand vor der Tür und damit unser Aufenthalt bei meinen lieben Verwandten, die wir die ganze Zeit schon sträflich hingehalten hatten.

Die Zeit in Donsol war traumhaft, doch leider nicht ohne Preis. Zu meinem Schock musste ich erkennen, dass ich auf dem Weg vom Wasserfall zurück zu unserer Unterkunft offenbar die GoPro mit unseren wunderbaren Aufnahmen verloren haben muss.

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