Liebes Tagebuch

Unser Flieger landete wieder in Manila und wir nahmen ein Taxi ins Viertel Makati, wo mein Cousin Nessim mit seiner Frau Caroline und den Kindern wohnt. Ich wusste zwar, dass sie in einem schönen Haus wohnen, aber den Luxus hatte ich nicht erwartet. Das Taxi bog ab und stand plötzlich an einer Schranke mit Sicherheitsdienst, die ein ummauertes und eingezäuntes Gelände bewachten. Diese trugen sowohl Uniform als auch Maschinengewehre und wollten wissen, zu wem wir wollen. Der Taxifahrer musste seine Papiere abgeben und nur aufgrund der Tatsache, dass wir wohl angemeldet waren, ließ man uns durch.

Makati war an sich schon ein ansehnliches Viertel und kein Vergleich zu dem heruntergekommenen, versmogten und stinkendem Großteil der Stadt. Vor allem, wenn ich an die Wellblechhütten von Baclaran denke, durch das wir auf unserem vorherigen Weg zum Flughafen irrten.

In Makati gab es saubere Straßen, übersichtlichen Verkehr, viele Privatautos und gläserne Hochhäuser. Hier liegt das Finanzzentrum der Stadt und Shoppingzentren, Parks und begrünte Fußgängerzonen lassen einen zurück in die westliche Welt reisen. Um noch mehr Ruhe zu haben schotten sich die Reichen in Enklaven ab. Morgens sollten wir in den nächsten Tagen sehen, wie Kolonnen von Filippinos durch die Schranken in die die Enklave strömen, um dort als Gärtner oder Haushälter zu arbeiten und die Haustiere auszuführen. Fast konnte es einem vorkommen, als würden die Filippinos hier wohnen, wenn sie sich auf der Straße mit  den Hunden ihrer Herren begegnen. Doch sie wechseln keine Worte miteinander sondern arbeiten fleißig und gewissenhaft. Abends ließ sich das gleiche als Exodus beobachten. Von den eigentlichen Bewohnern sah man fast nichts.



Es war ein schönes Wiedersehen mit Nessim, den ich bisher nur einmal bei einer Hochzeit in Deutschland vor einigen Jahren kennengelernt habe und dessen Einladung nach Manila ich nun endlich folgte. Wir fanden sein fürstliches Haus neben den Palästen von Botschaftern, großen Künstlern und Geschäftsleuten. Selbst unter den Reichenenklaven war dies die Exklusivste. Zu dem riesigen Bungalow gehörten neben dem Pool und dem tropischen Garten auch zwei Haushaltshilfen. Der größte Luxus war jedoch die Ruhe in diesem Moloch.

Natürlich hatten wir uns viel zu erzählen. Wie das Leben eines Westlers in den Philippinen aussieht erfuhren wir, auch wenn es jeglichem imperialen Klischee entsprach, während wir im nahen Polo Club essen gingen. Nessim und Caroline arbeiten bei der Asian Development Bank, dem kontinentalen Pendant zur Weltbank. Die Kinder gingen auf private Schulen und zum Studieren nach Oxford. Wir erzählten vom Leben in Deutschland und unseren Reisen und tauschten unser Wissen über unsere Familie aus. In diesem Luxus kamen wir uns schuldig vor, hatten wir die einfachen Verhältnissen die Tage vorher wunderbar genossen.

Die Ostertage begannen nun. Am Karfreitag nahm uns Caroline mit dem Auto in die Stadt, um uns den „schönen“ Teil von Manila zu zeigen. Als die Stadt noch eine Festung Spaniens war ließen es sich die Señors und Señoras in spanischem Stil gut gehen und errichteten stattliche Kolonialhäuser. Diese finden sich noch immer zwischen den mittlerweile winzig wirkenden alten Stadtmauern nahe des Hafens, zusammen mit einer überragenden Kathedrale, in der im vergangenen Jahr Papst Franziskus einen Gottesdienst abgehalten hatte. Dieses Viertel heißt Intramuros.

Wegen der Feiertage kamen wir für Manila untypisch schnell durch den Verkehr in die Innenstadt. Wegen der Feiertage war rund um die Kathedrale, und damit quasi in ganz Intramuros, aber auch sehr viel los. Ein paar geschäftstüchtige Jugendliche hatten sich aber schon darauf spezialisiert Autofahrer zu einem Parkplatz zu lotsen und sich dafür ein üppiges Trinkgeld zu verdienen.



Die kopfsteinbepflasterten mittelalterlichen Straßen waren voller Leute, bunte Fahnen waren über die Häuser gespannt und jede Menge Händler nutzten die Chance mit ihren Ständen die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen, wie Essen und Plastikspielzeug. Die Leute waren bunt gekleidet und von einem Volkstrauertag wie in Deutschland konnte in diesem superkatholischen Land keine Rede sein. Man feierte. Wir warfen einen Blick in eine Kirche, in der ebenfalls ein Gottesdienst stattfand.

Während bei uns Todschweigen herrschen muss war dies eher eine offene-Tür-Veranstaltung, wo jeder kam und ging und sich unterhielt, wie er mochte, während vorne Jesu Passion rezitiert wurde.

Nicht weit von uns, in einigen Dörfern rund um Manila, sind die Leute so begeistert von diesem Tag, dass sie sich sogar mit einer großen Show ans Kreuz nageln lassen. In einer Zeitung eines späteren Tages sollten wir lesen, dass ein Filippino dies nun zum 30sten Mal machte.

Die Leute wurden hier jedoch sehr von Jani abgelenkt. Jeder starrte sie an, manche schossen heimlich Fotos von ihr. Jani schockierte manche, indem sie Leute einfach ansprach und ihnen anbot, ein Bild mit ihnen gemeinsam zu machen. In jeder Straße erregten wir Aufsehen.




Samstags planten wir mit der ganzen Familie in den Bergen nahe Manila fahradzufahren. Die Fahrt dauerte jedoch Stunden, da viele Stadtbewohner an diesem Tag aus der Stadt raus aufs Land wollten und wir erst nachmittags den Bergrücken erreichten, von dem wir aus mit unseren Rädern nach unten düsten.

Nach wenigen Kurven war jedoch schon wieder Schluss: vor uns lag eine Schneise der Verwüstung, wo eigentlich eine Brücke sein sollte.

Vor einem halben Jahr hatte hier ein Taifun gewütet und Wasser- und Erdmassen entfesselt. Wir kletterten etwas in der entstandenen Schlucht, durch die nun ein harmlos wirkendes Bächlein plätscherte, bevor wir uns wieder unverrichteter Dinge auf den stundenlangen Heimweg in Schrittgeschwindigkeit nach Manila aufmachten.


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