Geburtstag in der Osum-Schlucht




Liebes Tagebuch

Es ist mein Geburtstag und wir haben gerade in einem eiskalten Wasserfall geduscht. Wir fühlen uns hochmotiviert. Wir sind auf dem Weg ins Heimatdorf Rovenas, aber wir haben es nicht mehr so eilig wie gestern. Rovena und Gaby haben gemerkt, dass es auf dem Weg noch viel mehr zu erleben gibt mit uns.

Rovena hat auch gleich die nächste Idee, wo wir hinfahren. Sie gibt sich allerdings unabsichtlich in Rätseln. Wenn wir sie fragen, wohin es geht, deutet sie nach vorne und sagt: „Right! No, left. Wait, straight!“ Zu mehr Informationen lässt sie sich nicht bewegen und wir lassen uns gerne überraschen.



Nichts kann mich mittlerweile mehr in Albanien schocken. Die Autos fahren plötzlich auf einer kleinen Straße dreispurig und drängen den Gegenverkehr in den Wald. Einbahnstraßenschilder sind nur Dekoration und es gelten immer nur die Regeln, die einen selbst gerade am schnellsten voranbringen. Man muss einfach immer mit allem rechnen, daher regt sich auch niemand auf, wenn plötzlich mitten auf der Autobahn ein großer Lastwagen wenden möchte, auf der Einbahnstraße ein Mercedes mit überhöhter Geschwindigkeit entgegen kommt, oder auch Straßen überschwemmt sind, weg sind, voller Schlaglöcher, Ziegen oder Kinder. Es ist wie Zen. Man wird ruhig. Nichts erschreckt einen mehr. Man freut sich direkt, wenn wieder etwas Neues passiert. Der deutsche Straßenverkehr wirkt später auf mich langweilig und nicht einmal der Verkehr in Russland oder dem Iran kann Albanien das Wasser reichen.

Wir holpern durch eine großangelegte Baustelle und nehmen einfach an, dass wir dort hindurchfahren dürfen. Niemand versucht uns aufzuhalten. Wir gelangen an das das Kies-Ufer eines breiten, aber flachen Flusses, des Osum.

Ich kann es kaum erwarten mein T-Shirt in das Wasser zu tauchen und wieder anzuziehen. Es ist Mittag und die Sonne hat die Betriebstemperatur des Landes wieder auf 40°C ansteigen lassen.

Wir folgen wieder Rovenas Kommando, packen nur wenige Dinge ein und diese wasserfest. Dann folgen wir ihr in die Richtung, in der sich der Fluss verengt. Andere Albaner sind hier und vergnügen sich am Wasser.

Ein Kind kommt auf mich zu und spricht mich in astreinem Englisch an, ob ich ihm nicht folgen möchte. Der Junge führt mich zu seiner Familie, die im Schatten eines Baumes sitzt. Die Mutter gibt ihrem Sohn eine Aufforderung und der Junge drückt mir ein paar Pflaumen in die Hand. „Hier, für dich. Schön, dass ihr hier seid“. Das Herz springt vor Glück vor dieser unglaublich herzlichen Geste. Ich bedanke und verabschiede mich herzlich auf albanisch, was die Familie enorm freut und mir ebenfalls enthusiastisch alles Gute wünscht.



Auch ein junger Mann wird auf uns aufmerksam und erkundigt sich, wo wir herkommen. Er freut sich, dass wir aus Deutschland kommen und sein Land besuchen und besteht darauf gemeinsam ein Selfie zu machen.

Dann betreten wir endlich die Schlucht. Im Schatten der hohen Wände ist es gleich viel angenehmer und ein erfrischender und nach Kräutern duftender Wind zieht durch diese Schneise der Landschaft.

Wir müssen den Fluss immer wieder durchqueren oder sogar komplett seine Bahn entlang waten. Das Wasser fühlt sich herrlich an.



Immer tiefer dringen wir in den Canyon hinein. In einer kleinen Felsspalte finden wir eine kleine schwarz-grau gemusterte Schlange vor. Wir machen ungefragt und gebührendem Abstand ein paar Selfies mit ihr und versuchen sie nicht zu wecken.

Wir klettern über Felsformationen und durchqueren den Schlamm des Flusses, in welchem unsere Schuhe immer wieder steckenbleiben.



Schließlich gibt es keine Möglichkeit mehr dem tiefen Wasser auszuweichen und ich frage mich, warum wir nicht vorher direkt geschwommen sind. Die Schlucht hat sich so sehr verengt, dass es dunkel ist und das Wasser tief. Dieses Abenteuer schüttet in gleichem Maße Adrenalin wie Dopamin aus.

Wir wandern für Stunden und kommen schließlich zu einem trockenen Kiesbett sowie der Erkenntnis, wie spät es bereits ist. Also treten wir wieder unseren Weg zurück an, der nicht weniger angenehm ist, wie der Hinweg. Ich möchte springen vor Freude, so gut fühle ich mich.




Ich dränge darauf, dass wir umgehend eine Unterkunft finden, denn mein perfekter Abschluss für diesen perfekten Geburtstag ist es einen angenehmen Rotwein bei Sonnenuntergang mit meinen Freunden zu trinken. Dazu müssen wir in einer Unterkunft sein.

Dank Rovena finden wir einen geeigneten Ort nicht weit der Schlucht und ich nutze umgehend die Dusche. Als ich wieder herauskomme muss ich feststellen, dass außer Chris alle anderen verschwunden sind. Er muss mich nun unterhalten und meinen Ärger darüber schlucken, dass ich meinen Wunsch doch deutlich gemacht habe. Immerhin gibt es für uns ausreichend Rotwein und süße, saftige Pfirsiche. Diese Kombination kannte ich noch nicht und ich habe selten etwas besseres an einem warmen Abend im Sommer probiert. In Albanien ist es so üblich.

Nach einer Stunde kommen endlich die anderen. Zwar ist es nun dunkel und meinen Sonnenuntergang habe ich mit Chris alleine genießen müssen, dafür kommen sie jedoch mit einer großen Torte, auf der mein Name mit Geburtstagswünschen steht.

Ich kann ihnen einfach nicht böse sein und versuche herauszufinden, woher in aller Welt sie in diesem kleinen Nest im Nirgendwo so schnell einen Konditor gefunden haben, der ihnen eine Torte maßschneidert. Sie haben es bis heute nicht verraten.

Die Nacht wird lang, sehr lang. Es gibt ein gewaltiges Menü zum Abendessen und bald schmerzt der Bauch von der Völlerei. Dazu tauchen zuerst magisch immer weiter neue Flaschen Wein auf, später dann Rakya. Bis in den Morgen tönen harte Metal-Klänge durch die unschuldigen albanischen Berge und Gaby weiht uns in das Trinkspiel ein, bei jedem „Thunder“ aus dem Song „Thunderstruck“ von ACDC einen Schluck zu trinken. Ein sehr, sehr böses Trinkspiel. Niemand von uns kann sagen, wann wir endlich ins Bett fallen.

Uwe schläft diese Nacht wieder einmal auf den Balkon. Unten fahren riesige Laster mit irgendwelchen Gesteinsbrocken vorbei – aber Uwe schnarcht einfach weiter.


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