Bei der Albanischen Familie zu Gast




Liebes Tagebuch

Rovena, wo fahren wir heute hin?“ – ist eine Frage, welche bei uns langsam üblich ist. Oft ist die Antwort: „Heute fahren wir in mein Heimatdorf.“ Das sagt sie aber jeden Tag, also ist es eher ein Ritual als eine ernsthafte Frage nach Informationen. Heute meint sie es aber ernst, denn sie versucht mehrmals ihre Familie anzurufen und uns anzukündigen.

Ich frage sie, wie ihr Ort heißt, uns sie antwortet „Gjerbës“. Ich tippe es in meine Navigation ein und erfahre, dass es nicht weit ist. Auch Rovena meint, dass es nur eine Stunde entfernt ist. Sie lag bisher bei allen Zeit- und Entfernungsangaben sehr zuverlässig daneben.

Wir treten die Fahrt an und verlassen auch schnell den trügerischen Asphalt, um auf eine solide Schotterstraße zu kommen.

Wir fühlen, wie wir in das Niemandsland, das albanische Hinterland, eindringen. In Recherchen über das Land habe ich vom Kanun gelesen, dem albanischen Gewohnheitsrecht. Da viele Gegenden des Landes noch bis heute weit vom Rest der Welt abgeschnitten sind, haben sich das örtliche Recht und die lokalen Traditionen mancherorts bis heute weitgehend bewahrt. Dieses Gewohnheitsrecht regelt Streitigkeiten, Ehen und Besitz.

In diesen Kanun fallen auch Bräuche, die sehr mittelalterlich sind. Frauen niemals anzusprechen gehört dazu, genauso wie die Zahlung einer Schuld durch das eigene Blut oder das der Familie – die berüchtigte Blutrache.

Ich bin gespannt, ob wir das selbst erleben.



Die Straße windet sich und auch wenn die Bilder etwas anderes erzählen ist der Untergrund trügerisch. Auch hier verstecken sich zunehmend Schlaglöcher. Die Serpentinen wollen kein Ende nehmen und es wird anstrengend zu fünft in diesem kleinen Wagen eingesperrt zu sein. Doch wenn man das Auto verlässt wird man in der Hitze versengt.

Es gibt keinen Verkehr auf dieser Straße. Nur einmal kommt uns ein ziemlich alter und staubiger Mercedes entgegen.



Auch mit einiger Höhe, die wir gewinnen, wird es nicht kühler.

Am Horizont bemerken wir den Rauch von Waldbränden und hoffen, dass es nur kleine Feuer sind und nicht die gesamte Gegend in Brand setzen. Oft sind solche Brände absichtlich gelegt, um Ackerland zu schaffen. Aber so heiß, wie es ist, können wir uns kaum vorstellen, dass diesen Feuern Einhalt geboten werden kann.

Rovena erzählt uns etwas von ihrer Religion. Sie bezeichnet sich als Bektaschi, was eine Form des Islam ist. Allerdings mit dem Zentrum des Glaubens in Albanien. Ein Berg unweit Rovenas Heimatdort ist dabei ein besonders heiliger Ort, zu dem viele Bektaschi pilgern. In einigen Klöstern (Tekken) leben Derwische dieser Religion, die unter dem kommunistischen Regime von Hoxha verboten wurden. Ein großes Fest sei gerade vorübergegangen zu sein.



Nach einigen Stunden kommen wir an ein paar merkwürdigen Ruinen vorbei uns wollen sie erkunden.

Rovena erklärt uns, dass es sich bei den runden Bauten um alte Kolchosen handelt, die in der Zeit des Kommunismus für alle Bauern der Umgebung als zentrale Sammelstellen errichtet wurden. Nun verfallen sie.

Wir genießen die Ruhe und machen unter einem Baum Rast. Es ist noch immer heiß, aber im Schatten ist es angenehm und die Luft tut gut.



Schließlich erreichen wir das Anwesen von Rovenas Familie. Ihre Eltern und ihre Schwester leben hier in einem wunderschönen Haus im Grünen am Rande des Dorfes.

Die Familie begrüßt uns herzlich und wir können mit unseren wenigen Wörtern Albanisch Eindruck machen. Außer Rovena spricht niemand etwas anderes als Albanisch, also muss sie ständig für uns übersetzen.

Viele Informationen hat unsere Freundin scheinbar nicht mit ihrer Familie geteilt, denn jetzt sind die Eltern beeindruckt davon, als Rovena erzählt, dass wir sowohl aus Deutschland, als auch aus den USA sind. Man merkt, dass sich die Brust des Vater vor Stolz dehnt, denn im Dorf finden sich vermutlich nicht häufig so internationale Gäste ein und die albanische Gastfreundschaft ist heilig.



Rovenas Vater schenkt allen erst einmal zur Begrüßung von seinem selbstgebrannten Rakya ein. Dann folgen wir ihm um das Haus herum, denn er will uns sein Grundstück und seinen Garten zeigen.

Er führt uns vorbei an dem Kirschbaum, aus dessen Früchten er den Rakya gewinnt. Er zeigt uns weitere Obstbäume, Quitten, Äpfel, Pfirsiche und Aprikosen. Er baut auch seinen eigenen Wein an und hält einen großen Gemüsegarten, in dem Zucchini, Gurken, Tomaten und Auberginen prächtig gedeihen.



Von irgendwelchen mittelalterlichen Bräuchen des Kanun erfahren wir nichts. Dass ihre Tochter mit wildfremden Kerlen aus dem Ausland tagelang im Auto durch das Land fährt, scheint sie nicht zu stören.

Nur eine Sache fällt auf: sobald Rovenas Mutter sich daran macht das Abendessen vorzubereiten werden Rovena und Gaby freundlich, aber bestimmt, mit in die Küche gezogen.

Übrig bleiben Uwe, Chris und ich zusammen mit Rovenas Vater. Da Rovena fehlt haben wir auch keinen Übersetzer mehr und die Konversation beginnt zu stocken.

Doch auch das ist kein Problem. Sobald eine gewisse Stille eintritt greift der Vater zur Flasche und schenkt jedem von uns ein neues Gläschen Rakya ein, das nach einem einstimmigen „Gesua“ in unseren Rachen verschwindet.

Dieses Ritual wiederholt sich und wiederholt sich und wiederholt sich. Wir sind froh, als das Essen fertig ist und haben schon etwas Mühe eine Gabel richtig zu greifen.

Das Essen ist fantastisch. Es gibt Brot und Fleisch in einer würzigen Soße, dazu reichlich Tomaten, Gurken und Ziegenkäse. Und natürlich noch mehr Rakya. Gesua!



Nach dem Essen möchten wir trotz unserer fortgeschrittenen Angetrunkenheit noch etwas raus. Es ist jetzt angenehm warm draußen und Rovena lädt uns dazu ein durch den Ort zu gehen. Wir lassen uns nicht lange bitten und begleiten sie.

Wir erreichen ein paar Gebäude, die vermutlich ebenfalls zu Sowjet-Zeiten errichtet und seitdem nicht mehr repariert worden sind. Rovena zeigt uns ihre alte Schule und den Sportplatz davor. Ein Volleyball-Netz hängt einladend über dem Platz und ein Ball findet sich auch.

Wir beginnen uns gegenseitig über das Netz zu spielen. Es dauert nicht lange, bis sich die Dorfjugend einfindet und sich freut, dass Gäste da sind. In kürzester Zeit stehen an die zwanzig junge Leute auf dem Platz und pritschen und schmettern sich die Bälle um die Ohren, bis es so dunkel wird, dass man einen heransausenden Ball schon nicht mehr sehen kann. Allerdings sind nur Jungs erschienen. Wir haben kein einziges Mädchen gesehen.

Wir kehren heim, wo Rovenas Vater grinsend mit einer frischen Flasche Rakya auf uns wartet.



Wir beziehen in der Nacht das Wohnzimmer, in welchem die Mutter drei Sofas für uns hergerichtet hat. Der Vater schaltet den Fernseher als Unterhaltung im Hintergrund an. Es läuft ein Spiel der Fussball Champions League. Er schenkt weiter Rakya aus.

In der Nacht wache ich unter einem enormen Lärm in meiner Nähe auf. Ich mache das Licht an und sehe, dass das Sofa unter Uwe zusammengebrochen ist. Wir müssen lachen, bauen das Sofa wieder zusammen und schlafen weiter.



Wir haben eine schöne Zeit bei der Familie und es ist für uns eine große Ehre, dass wir als Gäste empfangen wurden und bei ihnen bleiben durften.

Vom Kanun haben wir nichts mitbekommen. Das gibt es hier nicht mehr. Zum Abschied reicht uns Rovenas Vater eine große Flasche seines selbstgebrannten Rakyas.

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