Die japanische Bastion vor Koreas Küste



Tsushima ↔ Busan (Japan release) | BEETLE | JR KYUSHU JET FERRY
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Liebes Tagebuch

Gerade einmal 110 Kilometer vor Busan, wo wir den letzten Tag verbracht haben, liegt die Insel Tsushima, die zu Japan gehört. Diese Nähe ist den Südkoreanern ein Dorn im Auge, was nicht verwunderlich ist, wenn man daran denkt, dass es historisch gesehen ein japanischer Volkssport war das benachbarte Korea zu überfallen.

Nichts desto trotz gibt es eine Fähre von Busan nach Tsushima und wir wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen ebenfalls unsere stinkenden Füße auf japanischen Boden zu setzen.



Es geht in aller Frühe los und durch die kleine, aber schnelle Personenfähre bekommen wir auch noch eine gratis Hafenrundfahrt. Mich beeindrucken die riesigen Containerschiffe, aber auch die gewaltigen Wohnfestungen, die sich am Horizont am Rand der Stadt abzeichnen.

Das Schiff ist voll, aber wir sind die einzigen Westler und die einzigen, die nach draußen blicken. Alle anderen Passagiere widmen direkt nach dem Betreten des Schiffes ihre komplette Aufmerksamkeit dem alten Fernseher, in welchem ununterbrochen die peinlichsten japanischen Reality-Shows ausgestrahlt werden.

Ein Spieler in lächerlichem Kostüm nach dem anderen versucht über Geräte auf überdimensionalen Kinderspielplätze zu balancieren und landet unter dem lauten Gelächter der Zuschauer und den sich überschlagenden Kommentaren der Moderatoren im Wasser.




Wir sind sehr enthusiastisch über den Besuch Japans. Dieses Land ist für so viele Dinge berühmt und der Inbegriff entgegengesetzter Kulturen.

Insofern drücken wir unsere Nasen an der Fensterscheibe platt, als sich die Umrisse Tsushimas am Horizont abzeichnen.



Die Insel wirkt viel verschlafener, als ich dachte. Im Hafen des kleinen Städtchens, das sowohl Hauptstadt als auch einzige Siedlung der Insel ist, tummeln sich kleine Fischerboote. Ich frage mich, was Leute hier machen, die keine Touristen oder Fischer sind.

Die Einreise in das Land verläuft sehr unproblematisch. Wir betreten über den Landungssteg japanischen Boden, wo ein Beamter in Uniform auf die Ankömmlinge wartet und nach einer kurzen Verbeugung und einem kurzen Blick den ersehnten Stempel in unseren Reisepass knallt.



Wir spazieren vom Hafen in die Richtung, in die wir uns mehr Stadtleben erhoffen. Kleine Kanäle führen in die Stadt hinein. Der japanische Stil ist sehr dominant, entspricht allen Klischees und unterscheidet sich deutlich von Korea. Von den gewundenen Häuserdächern, Mangas und Torii ist alles dabei.

Auf den Straßen ist nichts los. Wir sind die einzigen, die unterwegs sind. Vielleicht verbringen die Japaner ihre Zeit auch vor dem Fernseher und folgen den Spielshows.

Wir kommen an einem Haus vorbei, vor dessen Eingang ein Vater seinem kleinen Sohn hilft, einen Reifen auf ein Fahrrad aufzuziehen, während die Mutter dabei zusieht. Als uns die Familie sieht, stehen Vater und Sohn rasch auf und sie und die Mutter verbeugen sich tief vor uns. Wir sind total baff und verbeugen uns – allerdings nicht so tief, wie die Japaner. Das müssen wir noch üben.



Unsere Eindrücke setzen sich genauso kurios weiter fort. Jeder Passant, dem wir begegnen, verbeugt sich bis zum Gürtel. Auf die Spitze wird es in einer Bank getrieben. Ich will Geld abheben, damit wir uns in diesem Land auch etwas kaufen können. Der Geldautomat neben einer Bankfiliale will mir doch kein Geld ausspucken und konfrontiert mich mit allerlei Fragen auf Japanisch.

Ich kapituliere und betrete die Filiale, um mir menschliche Hilfe zu holen. In dem Raum vor mir sieht es so aus, wie ich mir die 50er Jahre in den USA vorstelle. Mehrere Reihen Angestellter im Arbeitsjackett, mit Krawatte und feinen Hosen, sitzen an winzigen Tischen nebeneinander und hauen vor winzigen Bildschirmen in die Tasten. Niemand scheint Solitaire dabei zu spielen.

Sobald wir den Raum betreten stehen alle Angestellten wie auf Kommando gleichzeitig auf und verbeugen sich vor uns. Wir sind total irritiert und nicken mit den Köpfen. Ein kleiner dicker Mann kommt aus einem hinteren Winkel des Gebäudes rasch auf uns zu, während die Angestellten sich wieder setzen und zu ihren Tastaturen zurückkehren.

Der kleine dicke Mann verbeugt sich noch einmal tief vor uns und fragt in fließendem Japanisch vermutlich, was er für uns tun kann. Mein Englisch versteht er nicht und auf seine Frage an seine Klonarmee scheint ebenfalls eine negative Antwort auf die Frage zu kommen, ob jemand diese barbarischen Langnasen wohl versteht.

Gesten mit meiner Hand und das Winken mit meiner VISA-Karte haben wenig Erfolg. Der Mann und auch sonst kein Arbeiter scheint zu verstehen, was in aller Welt wir wohl an einem Geldautomaten mit einer VISA-Karte machen wollen könnten. Der Mann eilt in seiner Verzweiflung in einen nahen Supermarkt und kehrt mit einer Dame zurück, die tatsächlich ebenfalls ein paar Brocken Englisch spricht und uns dabei hilft, diese schwierige Situation zu lösen.



Kaum haben wir so etwas wie ein Stadtzentrum gefunden sind wir auch schon wieder aus der Stadt hinaus. Eine Straße führt die Länge der Insel entlang. Das Klima ist mild, beinahe tropisch, und wir können links und rechts von uns Urwald und dahinter das Meer sehen.

Bei der Gelegenheit kommt mir die Natur gleich sehr nahe. Michael hält mich gerade noch auf, bevor ich in ein großes Spinnennetz laufe, das eine ebenso große Spinne über den ganzen Weg aufgespannt hat. Eine stolze Leistung. Den nächsten Fahrradfahrer hat sie als Beute sicher.




Wir können Japan nicht verlassen, ohne dass wir einmal in einem Sushi-Restaurant gegessen haben. Und natürlich gibt es so etwas auf dieser kleinen Insel. Man schaut uns etwas überrascht an, als wir das Lokal betreten, weil man noch am putzen ist. Dabei ist es gar nicht mehr so früh. Obwohl wir hier auf der letzten Insel des japanischen Archipels sind ist dieses Sushi-Restaurant moderner als jedes, das ich bisher in Deutschland gesehen habe.

An jedem Platz gibt es ein Tablet, auf dem der Kunde sehen kann, was es alles gibt. Die Navigation lässt sich sogar auf Englisch stellen. Über das Tablet gibt man seine Wünsche ein, speichert, und in kurzer Zeit danach kommt eine hübsche Modelleisenbahn zu unserem Tisch gefahren und bringt auf einem Transportwaggon die Teller mit unseren Bestellungen darauf.



Es war ein eindrucksvoller Ausflug nach Tsushima. Die zur Schau gestellte Höflichkeit war sehr beeindruckend und ich konnte die meisten Klischees beziehungsweise meine Vorstellung von Japan bestätigt sehen. Ich frage mich, wie es auf den Hauptinseln aussieht. Das werde ich erst einige Jahre später bei meinem Besuch von Kyoto und Osaka herausfinden.

Wir nehmen die letzte Fähre wieder zurück nach Südkorea und lassen unsere Gedanken über unsere Erfahrungen über Japan an uns vorbeiziehen, während sich die anderen Passagiere bereits wieder lautstark den Reality-Shows im Fernsehen widmen.


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