Liebes Tagebuch


Wir verbringen ein paar Wochen auf Madeira und haben schon einige Teile der Hauptstadt Funchal erkundet. Es wäre gelogen zu behaupten, dass auf der Reise immer alles glatt ging. Wir sind zum ersten Mal mit Leon weggefahren und auch wenn das Kind friedlich ist hat das Universum auch seine Grenzen, wenn es um die Toleranz eines Babys geht. Die vergangenen Tage hatte das Kind viele Eindrücke und außerdem verheißt auch der vierte Lebensmonat und offensichtlich die momentane astrologische Konstellation vor allem eines: Ärger.

Wir marschieren zu Fuß von unserer Unterkunft in Lido bis zur Seilbahn, da der nächste Bus auch erst in 30 Minuten abfahren würde. Wir haben ein schlechtes Timing, denn kurz zuvor hat ein Kreuzfahrtschiff mit der Kapazität einer Kleinstadt am Hafen angelegt und dementsprechend lang ist die Schlange am Kassenhäuschen des teleferíco, der Seilbahn, die Gäste auf die angenehmste Art und Weise auf den Berg und zu dessen Gärten bringt.

Wir teilen uns die Kabine mit einer weiteren Familie; die Frau weigert sich eine Maske aufzusetzen, trotz unserer Bitten auf Rücksichtnahme auf das Kleinkind. Es folgen unschöne Kommentare und eine sehr angespannte Stimmung in der Seilbahn. Das merkt auch Leon und beschließt ab der Hälfte der Fahrt die Nerven aller durch sein Schreien auf die Probe zu stellen.

Die Familie verlässt eilig die Kabine, als wir an der Endstation ankommen. Wir ziehen uns in die letzte Ecke eines Cafés zurück, wo Sara mit Windeln Wechseln, Stillen und Schlafenlegen alles versucht. Zwei Stunden harren wir dort aus, bis Leon uns endlich in die Freiheit und den botanischen Garten entlässt.

Von der Station Monte müssen wir dahin mit einer weiteren, kleineren Seilbahn fahren. Diese Fahrt ist deutlich angenehmer.



Jardim Botânico do Funchal

Der botanische Garten hat viel zu bieten – allen voran eine starke Neigung am Berg. Man muss steil hinauf oder hinunter wandern, um auf die verschiedenen Terrassen zu gelangen. Die ausgestellten Pflanzen sind allerdings nicht exotisch. Alle Pflanzen findet man auch auf der Insel. Hier wachsen sie konzentriert und hübsch nebeneinander angeordnet voneinander.

Es ist etwas frisch – ungewohnt frisch, für eine tropische Insel. Wir schlendern zwischen den Blumenbeeten, den Palmen und den riesigen Kakteen entlang und kommen uns zwischendurch vor wie Zwerge.




Carros de cesto do Monte

Eine Besonderheit der Insel ist ein spezielles Fortbewegungsmittel: der Korbschlitten (carros de cesto). Scheinbar wurden diese Ende des 19. Jahrhunderts dazu verwendet, schnell Waren und Personen vom Berg zum Hafen zu transportieren. Zumindest den Personen muss das viel Spaß gemacht haben und mit Aufkommen des Tourismus hat sich das ganze zu einem Spektakel für die ganze Familie entwickelt. An einer Stelle, nicht weit vom Monte Palace entfernt, warten junge und alte Männer mit blauen Hemden und Strohhüten auf lebensmüde reiche Touristen, um sie in einen großen Korb zu stecken und auf Holzkufen den Hang hinunterzuschieben. Die Straße müssen sie sich trotz des Fehlens einer Bremse mit Autos teilen. Nervenkitzel ist garantiert!

Die Preise für eine Korbschlittenfahrt sind nicht billig: 30 Euro kostet der Spaß für zwei Personen in einem Schlitten. Die meisten Leute scheinen mehr damit beschäftigt zu sein ein Video mit dem Smartphone zu drehen als selbst etwas von der Fahrt mitzubekommen. Kinder unter 5 Jahren fahren übrigens kostenlos. Wir fragen Leon, aber er lehnt dankend ab.



Jardim Tropical Monte Palace

Als wir uns einige Zeit später wieder auf den Monte begeben ziehen wir den deutlich günstigeren und stressfreieren Bus der Seilbahn vor. Diesmal besuchen wir den Tropischen Garten, in dessen Mitte sich der Palast von Madeira befinden soll. So die Reklame.

Der Tropische Garten ist ein Park mit verschiedenen Teilen. Am Eingang finden sich einige Gebäude, in denen es afrikanische Kunst und Kristalle und Mineralien zu sehen gibt.

Die Bäume und Farne wachsen dicht zueinander. Brücken verbinden die Wege an den steilen Hängen und dazwischen finden sich immer wieder kleine Wasserbecken mit Wasserpflanzen oder Fischen.

Mich reizt besonders das Angebot, das im Preis enthalten eine Probe Madeirawein sein soll. Dafür müssen wir bis ans Ende des Parks gelangen.




Der optische Höhepunkt ist der Palast im Herzen des Parks. Wie aus einem Bild von Escher laufen hier von Säulen getragene Äquadukte zusammen und Kaskaden an Wasser laufen aus verschiedenen Richtungen in den See.

Die tropische Welt aus Bäumen und Farnen geht über in rote Brücken und Toori , die ich noch gut aus Japan kenne. Man hat den japanischen Garten mit viel Geschmack im Inneren des Parks angelegt.

Statuen von Engeln oder römischen Göttinnen ragen aus dem Dickicht und betonen die Vergänglichkeit der Kultur und die Rückeroberung der Natur, ganz im Sinne der Romantik.

Wir haben Glück, denn außer uns lümmeln nur ein paar Enten in diesem Paradies. Nach ein paar wenigen Fotos ändert sich das aber schlagartig und Horden an Touristen bereiten jedem Gefühl zarter Romantik ein brutales Ende.



Wir erreichen letztendlich das wichtigste Ziel des Parks: der Verprobung von Madeirawein. Dabei stellt sich heraus, dass es sich dabei nicht um eine seltene Rarität eines letzten Fasses der ältesten Winzerfamilie der Insel handelt, sondern eher um die günstigste Massenware, bei der man immerhin zwischen „süß“ und „herb“ wählen kann. Da Sara Alkohol verschmäht kann ich den direkten Unterschied zwischen beidem testen. Fazit: beides lecker. Die Gläschen sind leider sehr klein, aber für den Geschmack auf der Zunge reicht es.

Allerdings haben wir uns zu früh gefreut wenn wir dachten, dass wir an der anderen Seite des Parks und gefühlten fünfhundert Höhenmetern, die wir in die Tiefe gestiegen sind, nun auf dieser Seite das Gelände verlassen könnten. Dem ist nicht so und unsere Kondition ist gefragt. Wir kämpfen uns wieder bis zum Eingang nach oben. Leon kann nicht umhin unterwegs mit den ehrwürdigen Kunstwerken seinen Schabernack zu treiben. Was für ein unerzogenes Kind!


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