Die epische Wanderung über den Wolken



Liebes Tagebuch

Eigentlich hatte ich geplant früh um 9 Uhr bereits meine Wanderung anzutreten. Ein luxuröses Frühstück in unserer Lieblingsbäckerei in Funchal mit der Familie hat das Ganze leider etwas verzögert und ich erreiche die Spitze des Pico Arieiro mit seiner Wetterstation und Touristencafés erst kurz nach zehn – und man hat den Eindruck, dass dieser Berg einfach überrannt wurde. Nicht nur Autos stehen bis halb ins Tal hinunter an den unmöglichsten Stellen am Straßenrand. Ganze Busladungen von Leuten werden hier aus den klimatisierten Reisefestungen in die Wildnis entlassen.

Immerhin freue ich mich, dass sich die Wolken langsam verziehen. Während der Fahrt ins Gebirge kam augenscheinlich Nebel auf, der sich dann als Wolkengrenze herausstellte, die ich aber kurz vor der Spitze des 1818 Meter hohen Pico Arieiro durchbreche und den Blick über die Wolken bestaunen kann. Es ist der dritthöchste Punkt auf der Insel. Meine Route führt auf den höchsten Punkt.




Der Blick über die Wolken lässt die Menschenmassen vergessen. Gleich nach dem Start auf dem Pico Arieiro folgt der spektakuläre Abstieg über schmale Treppen und nur die angebrachten Seile trennen den Badelatschentouristen von einem Tod in der Tiefe. Es ist ein Kampf um die besten Fotoplätze und die Instagram-Accounts müssen auch gefüllt werden. Das ist schwierig, da sich jeder dabei für sein Motiv im Weg steht. Zwischenzeitlich muss ich auf dem Weg noch mit der Seniorengruppe „Pinguine“ um den Weg vor uns konkurrieren. Ich habe mir das anders vorgestellt.

Zumindest kann ich nach den ersten Kurven die ersten Touristen abhängen. Dafür geht es fast senkrecht die Steilwände auf Treppen hinunter. Das ist schmerzhaft für die Knie und den Verstand, der jetzt schon dagegen rebelliert, das Ganze später wieder nach oben steigen zu müssen. Einmal hoch zum Pico Ruivo und dann ein weiteres Mal zurück zum Pico Ariero und zum Start zurück.






Der Abstieg geht hart auf die Knie. An der Felswand auf der anderen Seite wartet der Eingang eines Tunnels: „tunel do pico do gato„. Es geht also durch den Katzenberg. Ich habe vorher irgendwo gelesen, dass es sinnvoll sein soll, eine Stirnlampe mitzubringen. Ich stelle fest, dass es wirklich sinnvoll ist. Man sieht nicht viel, aber das Schlimmste, das man befürchten muss ist in eine Pfütze zu treten. Es liegen keine Steine im Dunkeln und in der Ferne kann man den Ausgang sehen.

Die andere Seite bietet wieder einen Moment, in dem man nach Atem ringen muss, so beeindruckend ist der Anblick. Senkrechte Felswände erheben sich majestätisch und hineingehauen wurde ein Weg mit einem Geländer. Die Berge zeugen von dem vielen Niederschlag, den es hier geben muss. In der Ferne sieht man Wasserfälle in die Tiefe stürzen und alles ist grün.






Es geht durch weitere Tunnel hindurch, bis ich einen Sattelpunkt erreiche, von dem es stetig wieder nur bergauf geht. Es ist ungewohnt immer wieder zwischendurch befestigte Wege oder Wege mit Geländern vor sich zu haben. Trotzdem bekommt man nicht den Eindruck, dass die Strecke weniger abenteuerlich wäre. Jederzeit geht es auf irgendeiner Seite direkt in die Tiefe.

Kurz vor der Spitze des Pico Ruivo erreiche ich eine stark gefüllte Berghütte. Gleich mehrere Wege führen hier zusammen, sodass die Nachfrage nach einer Pause und einem Getränk an dieser Stelle groß ist. Es geht noch einmal eine weitere halbe Stunde bis auf die Spitze, von der man einen Blick über die ganze Insel hat.




Es geht wieder zurück auf dem selben Weg, auf dem ich gekommen bin. Die meisten anderen Wanderer steigen am Pico Ruivo ab zum nächsten Wanderparkplatz, um sich dort von ihren Shuttlebussen zurück in ihre Hotels bringen zu lassen. Nur wenige tapfere Helden, so wie ich, nehmen wieder die beschwerliche Tour auf sich nochmals 500 Höhenmeter nach unten und 500 Höhenmeter wieder nach oben zu steigen.

Da das nur wenige machen lernt man sich auf dem Rückweg schnell kennen. Hier die jungen, sportlichen deutschen Studenten, da das ältere portugiesische Ehepaar. Es ist ein Kampf mit dem Kopf, all die Stufen zum Pico Arieiro wieder nach oben zurückzulegen. Heute ist der einzige Tag der Woche mit gutem Wetter – und es hält. Man hat keinen Druck in Ruhe und Pausen für Bildern wieder an seinem Startpunkt anzukommen.



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