🇷🇺 Priviet! Unverhofft im schönen Sankt Petersburg


Tagebuch Eintrag

Um 6 Uhr morgens teilt uns der Wecker mit, dass es Zeit ist ins Abenteuer zu starten. Und das, nachdem unser UAZ für die Russlandreise gestern erst kaputt gegangen ist. Wir reisen zum Münchner Flughafen um von dort mit Aeroflot nach Russland zu fliegen. Noch beim Check-In buche ich uns noch über das Internet eine günstige Pension im Herzen Sankt Petersburgs. Diese bietet uns eine Abholung am Flughafen an, doch dort erwartet uns niemand.
Wir erhalten die Einreisen-Stempel von einer grimmigen Beamtin, nachdem diese drei mal ein unverständliches туристы? (Tourist?) fragte. Да, да, да! So weit geht mein russisch schon. Uli kann etwas mehr, da er einen Sprachkurs besuchte.

Und dann sind wir drin.

Russland!

Das große Reich, Kommunismus, Sowjetunion, Leningrad (welches Sankt Petersburg zeitweise war), Putin, Wodka, Fellmützen, kyrillische Buchstaben und die strengen Gesichter von Menschen, gegen die jeder Granitbrocken weitaus mehr Humor auszustrahlen schien.

Ich fühle mich wie in einer verbotenen Zone, so als wenn jeder falsche Schritt zu einer wilden Verfolgungsjagd im Sinne von James Bond führen kann.

Uns ist nicht klar, wohin all die Menschen aus dem Flugzeug verschwanden. Wir steigen in den einsamen Shuttle Bus, der uns in die Stadt bringt. Nicht viele Menschen begleiten uns. Die Fahrt kostet wenige Rubel, umgerechnet 70 Cent. Wir lernen auf der Fahrt einen Digital Nomad kennen – eine neue Spezies von Menschen, die ihr Zuhause aufgeben, um auf ihren Reisen zu arbeiten. Unser neuer Freund ist Journalist, der seine aktuellen Berichte aus der Transsibirischen Eisenbahn schreiben will.

Der Bus fährt durch die Stadt und groß prangen die Titel der Firmen in kyrillischen Buchstaben. Ich beherrsche die Schrift schon etwas und kann gleich üben.



Wir halten an einer Metrostation, um von dort in die Innenstadt zu gelangen. Ich habe noch nie eine so eindrucksvolle U-Bahn gesehen. Der Glanz des Kommunismus leuchtet hier noch. Große Sowjetsterne zieren in Gold die verzierten Bögen.

Bis zu 50 Meter fahren wir zur Metro in die Tiefe



Die Stadt ist wirklich schön!



Die Bezahlung der Bahn erfolgt hier auch nach einem anderen Prinzip. Hier gibt es Schalter, an denen man Jetons für Fahrten kauft. Je Jeton eine Fahrt, egal wohin und wie lange man fährt.

Wir erreichen die Station Sataya (сатая) im Zentrum und finden schnell die Adresse unserer Unterkunft. Allerdings finden wir aber nicht die Unterkunft.

Es handelt sich um einen großen Wohnblock, zu dem an einigen Stellen massive eiserne Eingangstüren existieren. Dort gibt es jedoch weder Klingelschilder noch sonstige Beschriftungen. Lediglich eine Zahlenkonsole dient als Klingel. Doch wo müssen wir hin? Wie funktioniert das hier?



Wir fragen in einem Schreibwarenladen im selben Haus. „Fragen“ bedeutet, dass ich den Namen der Unterkunft wiederhole und auf ein Zeichen des Erkennens hoffe. Vergeblich. Zum Glück gibt es eine Buchungsbestätigung auf kyrillisch, die ich zeigen kann. Die junge Frau im Laden wählt die dazu gehörende Telefonnummer, doch es meldet sich niemand. Sie zuckt mit den Schultern.

Wir laufen mit dem Gepäck auf dem Rücken noch einmal um den Block und durch einen Innenhof. Irgendwo muss der Eingang doch sein. Außerdem unterscheiden sich nun die Hausnummern von der uns genannten Adresse. Es musst hier sein. Wir sind ratlos.



Vor dem Geschäft bemerkt eine Dame unsere Ratlosigkeit. Ohne uns anzusprechen geht sie in den Laden und unterhält sich mit der jungen Frau an der Kasse. Im Gespräch schauen beide Frauen ständig zu uns rüber.

Die Dame scheint genug Informationen zu haben. Sie geht zu dem Hauseingang, vor dem wir stehen, und tippt auf der Zahlenkonsole herum.

Sie erreicht jemanden und scheint ein paar Fragen zu stellen. Nach kurzer Zeit öffnet sich die Tür. Die Dame nickt uns zu, dreht sich um und geht. Einfach so. Ohne zu lächeln! Wir rufen nur noch ein спасибо (danke) hinterher, doch sie zeigt keine Reaktion…


Mode in Russland

Wie uns in Sankt Petersburg und in späteren Städten auffällt sind die russischen Frauen sehr schön und immer gut gekleidet. Genau das Gegenteil trifft auf die Männer zu. Es gilt scheinbar als besonders männlich, auf jeden Geschmackssinn absichtlich zu pfeifen und mit Joggingoutfit, Schmuck und Sonnenbrille die Aufmerksamkeit der Ladies auf sich zu ziehen. Vielleicht zeugt es ja von unwiderstehlichem Selbstbewusstsein, so scheiße auszusehen?



Unterkunft mit Hindernissen


Wir betreten das Gebäude und steigen die breiten Stufen des edlen Treppenhauses hinauf. Gleich am ersten Stock schaut eine Nase durch den Spalt einer Tür, die etwas geöffnet, dennoch aber sichtbar mit einer Kette gesichert ist.

Die Nase spricht uns auf russisch an, worauf wie nicht antworten können. Aber da wir statt Waffen nur Rucksäcke dabei haben und nicht sehr russisch wirken scheint das Vertrauen dazu auszureichen, um uns herein zu lassen.

Ich blicke auf einen dicken jungen Mann in weißem T-Shirt. Uli sieht eine dicke junge Frau. Wir können uns nicht darauf einigen, was wir vor uns haben. Jedenfalls spricht es keinerlei Englisch und scheint uns nicht zu erwarten.

Google Translator sowie Hände und Füße helfen. Von Bookings.com hatte hier noch niemand gehört – also zumindest nicht Sie beziehungsweise Er. Und sonst gibt es hier niemanden.



Die Pension wirkt wie eine alte, heruntergekommene, aber prunkvolle Wohnung eines kommunistischen Bonzen. Die Person zeigt uns verschiedene Zimmer und zwei Bäder auf dem Flur. Außer uns gibt es keine weiteren Gäste und außer unserem verlegen grinsenden Gastgeber auch sonst niemanden.

Wir bekommen ein Zimmer und antworten auf die Frage, ob wir lieber jetzt oder später zahlen wollen, dass wir im Zweifel lieber warten. Wir sehen sie bzw. ihn nie wieder. Ab dem folgenden Tag sehen wir einen anderen Mann, der in einer Abstellkammer haust und für uns das Bad reinigt. Andere Gäste sehen wir aber nie.




Wir laden schnell unsere Sachen ab und beeilten uns, um das letzte Licht der untergehenden Sonne zu nutzen und Sankt Petersburg zu entdecken. Die Stadt an der Niva zeigt sich von seiner schönsten Seite, als die herrschaftlichen Stadthäuser an den unzähligen Kanälen in sanftes orange getaucht werden.

Wir folgen den Kanälen und gelangen zum Newska Prospekt. „Prospekt“ heißt hier jede große Straße.

Wir kommen an der Eremitage vorbei bis zur Niva mit all ihren Brücken. Nachts werden diese nach und nach für die Schiffe geöffnet und ist für Touristen natürlich spannend.

Neben einer Kirche sehen wir einen Kiosk. Leider hat der schon zu, aber kurioserweise kann man hier neben Zigaretten auch Gewehre und Pistolen kaufen. So einfach ist das.




Auch der Mond ist uns gewogen und scheint in voller Größe über den Häusern. Nachdem wir unseren ersten Hunger nach Fotos gestillt haben wird es Zeit für die kulinarische Entdeckungsreise. Es ist jedoch gar nicht einfach ein russisches Lokal zu finden. Vor allem Chinesisch und Georgisch scheinen sehr beliebt zu sein.



Letztendlich finden doch ein gutes Restaurant, in dem wir einfach alles einmal ausprobieren wollen.
Essen und Wodka: Pelmini und Fischsuppe, Plov, Borschtsch, Soljanka und Manti – wir bestellen einfach alles.







Wir folgen dem Ufer der Niva und machen weiter Fotos von den beleuchteten Brücken, bis wir müde ins Bett unserer leeren Unterkunft fallen.

Durch Couchsurfing erhalte ich die interessante Einladung einer jungen russischen Frau auf ihre Datscha, weit außerhalb von Sankt Petersburg.

Wie kann man da Nein sagen? Uli und ich machen uns am nächsten Tag auf den Weg.



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