🇷🇺 Die Einladung des russischen Mädchens in ihre Datscha im Niemandsland


Tagebuch Eintrag

Am ersten Tag in Sankt-Petersburg wollen wir uns eigentlich sofort das größte Highlight der Stadt gönnen: Die Eremitage! Doch dank Couchsurfing ändern sich die Pläne von Uli und mir nach dem Aufstehen schlagartig. Ich hatte dort angegeben, dass wir uns gerade in Sankt-Petersburg befinden und uns gerne mit Leuten treffen.

Ich erhalte die Nachricht von einer Olga (natürlich ist es eine Olga), ob wir spontan sind. Ich erinnere mich kurz an den Zeitpunkt vor zwei Tagen, als wir noch mit einem kaputten Auto nicht weit von München entfernt standen, und antworte, dass Spontanität unser zweiter Vorname sei. Ob wir Lust hätten, sie in ihrer Datscha zu besuchen. Sie könnte uns dort auch ein verlassenes Sowjetlager zeigen. – Ja klar haben wir Lust!

Dann beginnt Olga mit der Wegbeschreibung: „Gut, ihr müsst in 20 Minuten von der Station Sasskaya die Rote Line fahren bis zum Ende, das dauert etwa eine Stunde, dann steigt ihr aus und geht die Treppen bis zum Bahnhof hinauf, dort geht ihr zum Ticketschalter und zeigt denen folgenden Text . Darauf erhaltet ihr einen Hin- und Rückfahrschein. Ihr fahrt bis nach Kuzmulovo, meinem Ort, etwa eine halbe Stunde. Steigt aus, geht nach links bis zur Straße, dort nach rechts. Wollt ihr richtig gutes russisches Brot, kauft dort an dem Stand. Dahinter ist ein Markt. Kauft dort etwas Gemüse.

Gegenüber stehen immer Autos. Das sind Taxis. Gebt einem Fahrer das Telefon, ich erkläre ihm den Weg.“

Wow. Ich bin kurz baff, dann ziehe ich Uli auch schon aus dem Zimmer, damit wir noch unsere U-Bahn rechtzeitig bekommen. Olgas Plan funktioniert wie am Schnürchen. Am Bahnhof sind wir am Ticketschalter unsicher und stammeln etwas auf russisch und halten Olgas Text vor die Augen einer Bahnbediensteten. Die gutgelaunte kugelige Frau lacht und bringt uns zum richtigen Schalter. Sie sagt den Kollegen dort ein paar Worte, nach denen wir sofort ein paar Tickets erhielten, die sie gleich löchert und uns zum abgeriegelten Gleis hindurchlässt.

Der Zug klappert eine gefühlte Ewigkeit durch den Wald, bis wir Kuzmulovo erreichen. Wir kaufen Brot und Gemüse, sprechen den erstbesten Typen mit Auto an und halten ihm mein Handy ans Ohr. Der Kerl trägt natürlich Jogginghose und fährt die heruntergekommenste Schrottkiste, die ich jemals abseits eines Schrottplatzes zu sehen bekam. Aber das ist ja Russland. Er lächelt und nickt, lächelt und nickt, lächelt und nicke, während Olga mit ihm spricht, bis er nach einer Ewigkeit das Telefon an mich weitergibt.  „Alex. Wie geht’s. Du – das ist gar kein Taxifahrer!



Aber der Typ wartet mit uns zusammen lächelnd und grinsend. Wir unterhalten uns mit unserem kleinen russischen Vokabular („Mercedes gut„), bis eine andere Schrottkiste ankommt, bei der es sich tatsächlich um ein Taxi handelt. Unser neuer Freund erklärt dem Fahrer, wo wir hin müssen, um endlich den Gemüseladen für seinen Einkauf zu betreten.

Das Taxi verlässt mit uns das Dorf, die Straße und den letzten Rest von Zivilisation und rumpelt eine Zeit lang über Schotter in den Wald hinein bis zu einem noch winzigeren Dorf aus Holzhütten, in dem man sich auch gar nie erst die Mühe gemacht hatte, irgendetwas zu asphaltieren. Vor einem Zaun hält der Fahrer an und wir geben ihm ein paar Rubel, bevor er uns wieder verlässt.

Wir spähen durch das Gartentor und werden von Olga begrüßt – einer jungen Frau mit wirren Haaren und einer Jacke in der gleichen türkisen Farbe wie die Wände der Datscha hinter ihr. Die Hütte macht den Eindruck auch nur von ebendieser Farbe noch zusammengehalten zu werden.

Wir erreichen die Hütte mit abblätternder Farbe.

Olga ist selbst einige Jahre durch die Welt gereist und hat Jahre in Südostasien verbracht, weswegen wir schnell Gesprächsthemen haben. Weltreisende verstehen sich immer gut, da man eine gewisse Mischung aus Neugier und Entspannung teilt.



Nach einer ersten Kennenlernrunde bei garteneigenem Tee machen wir einen Spaziergang durch den umliegenden Wald, um das versprochene Geisterlager der Sowjets zu besichtigen. Olga kennt jede Pflanze und ihre Wirkung. Wir kennen nicht jeden Namen auf Englisch, aber die meisten Pflanzen haben wir auch schon gesehen. Sie selbst interessiert sich sehr für die Bewohner der Natur, wohnt jedoch in Sankt Petersburg und kommt nur bei Gelegenheit raus zur Datscha der Familie.

Eine Datscha ist ein Ferienhäuschen

Durch das Gebüsch erspähen wir ein paar halb verfallene Holzhäuser, die erahnen lassen, dass sie früher einmal einen schönen Anstrich hatten. Die Farbe ist blass und gesprungen, auf dem Boden liegen Staub und Splitter. Dieser Ort sei ein Jugendlager für die noch jungen Kommunisten gewesen, erklärt Olga. An einer Stelle sehen wir eine riesige finstere Leninbüste auf einer Säule, die bereits von den Bäumen des Waldes eingenommen wurde.



Hier haben sich die Jugendlichen jeden Morgen versammelt und ein kommunistisches Lied gesungen“ – erklärt uns Olga, als wäre sie dabei gewesen.



Wir verlassen das Sowjetcamp durch ein verfallenes Eisentor, über dem sich die kyrillischen Buchstaben des Namens im Rost verlieren.

Nicht weit entfernt ist ein gelichteter Hügel. Dahin kommen angeblich die Leute um Ski oder Schlitten zu fahren. Weit kommen sie dort jedoch nicht, denn nach wenigen Metern beginnt schon wieder Wald.

Als wir zurückkehren schickt Olga uns beide in ihren Garten, um Giersch für ihren Eintopf zu sammeln. Sie selbst nimmt sich unser mitgebrachtes Gemüse vor und mischt aus Platzmangel alles mögliche in einer Pfanne und diversen Töpfen zusammen. Die „Küche“ der Datscha besteht nur aus einer Kochplatte. Wasser gibt es von einem Hahn außerhalb des Hauses. Auch ein kleines Plumpsklo befindet sich hinter dem Haus.

Sie wirft Kräuter und Gemüse zusammen, während sie sich weiter mit uns unterhält.

Sie gibt auch Kochkurse, sagt sie, während ich gerade kräftig mit sehr viel Salz versucht Leben in die toten Pflanzen vor mir zu hauchen. Zum Essen lieben Russen anscheinend Brot mit Sonnenblumenöl und Salz, und tatsächlich ist das ziemlich lecker. Mein Smartphone klingelt plötzlich und am Apparat ist eine Dame von O2. Sie lacht vor Überraschung, als ich ihr sage, dass ich gerade keine Zeit für ihre Angebote habe, da ich beim Essen in der wilden Einöde nördlich von Sankt Petersburg sitze.

Olga ist begeistert und will, dass Uli und ich noch mehr Deutsch sprechen. „I love the German language. Please, talk a little bit more“. Das hatten wir bisher noch nie gehört. Dafür hörten wir von Olga besonders ein Wort sehr häufig: „tak“. Dieses Wort ist ein Füllwort und wird von Russen beliebig in Pausen oder am Anfang von Sätzen verwendet. In ein Schweigen passt immer ein Tak.




Uli und ich wollen langsam aufbrechen, denn der Weg ist noch weit. Auf dem Weg zur Bahn treffen wir Olgas Oma. Die beiden hatten vorher telefoniert und wir erkennen uns auf dem Weg. Die Dame spricht noch ein paar Brocken Deutsch und wünscht uns alles Gute.

Der Weg zurück nach Sankt Petersburg verläuft ohne Probleme. Statt eines Taxis entscheiden wir uns dazu den Weg nach Kuzmulovo zu laufen. Wir sind sehr beeindruckt davon, wie sauber es hier im Dorf als auch in der Stadt Sankt Petersburg ist. Wir sahen kaum Müll. Sie sind sehr sauber, diese Russen.




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