Zu Gast im Krisengebiet von Nordossetien-Alanien

🇷🇺 Russia - North Ossetia (2017)

Liebes Tagebuch

Wir wurden frisch um halb acht von Alan abgeholt und zu ihnen in die Wohnung gebracht, wo bereits ein üppiges Frühstück aus Tomaten, Gurken, Käse, Pfannkuchen, Brot, Butter und Datteln auf uns wartete. Es war Wochenende und Alan, Tamilan und Aleksandra wollten mit uns in die Berge fahren und uns den Kaukasus zeigen. Auf dem Weg nickte Alan in eine Richtung und erklärte, dass vor wenigen Jahren in der nahen Stadt Beslan ein Terroranschlag auf eine Schule viele Leben gefordert hatte.

Und immer noch nahe sind Tschetschenien und Inguschetien. Dort ist es zwar nun ruhig, doch die blutigen Konflikte zwischen der muslimischen Minderheit und den Truppen der Regierung waren noch nicht lange her.



Das Wetter war prachtvoll, es hatte kaum eine Wolke am Himmel und wir konnten unsere warmen Klamotten endlich im Gepäck lassen. Am Rande hielt Alan mit seinem feudalen großen SUV, damit wir uns an einer natürlichen Quelle Wasser abfüllen konnten. Nicht weit davon gab es eine fantastische Schlucht, in deren Tiefe sich ein Bach weiter in den Berg hineinfraß. Und auf großen Anhänger stapelte man Bienenkästen.

Offenbar wurden diese ständig bewegt, wodurch die Bienen eine große Abwechslung ihres Speiseplanes hatten und die Natur sich an neuen Stellen über die befruchtenden Besucher freuen konnte. Auch hier, in der Stadt, als auch in den Bergen, sahen wir keinen Müll. Sie sind wirklich sehr sauber, diese Russen.



Alan fuhr in ein Tal und folgte der Schotterstraße bis zum Ende. Am Fuß des Berges und am Rand zu einem Gebirgsfluss sahen wir eine seltsame Formation aus Steinhäuschen mit dunklen Schieferdächern, die zu klein waren, um bewohnt zu sein. Bewohnt waren sie dennoch. Es gab Eingangslöcher zur Vorder- und Rückseite, durch die man haufenweise die Gebeine ganzer Familien sehen konnte. Es handelte sich um eine Totenstadt eines vergangenen Volkes des Kaukasus. Aleksandra erklärte, dass der soziale Status eines Hauses an seiner Lage zu erkennen war. Je weiter oben die Gräber, desto bedeutsamer waren die Familien.

Unmittelbar zu den Häuschen ragte ein hoher Wehrturm auf. Schon aus der Entfernung konnten wir ein paar davon in den Bergen hier sehen. Diese sind ein sehr typisches Merkmal des Kaukasus. Ganze Dörfer wurden aus Wehrtürmen gebaut. Dabei schichtet man aus Steinen einen quadratischen Turm auf und versieht ihn mit Stockwerken aus Holz, auf denen verschiedene Familien und das Vieh leben. Auch hier zählt das Prinzip: Höher ist immer besser. Bei einem Angriff konnten sich alle Familien in ihre Türme zurückziehen und von der Turmspitze hinab mit Pfeilen schießen.




Die Toten wurden an freier Luft bestattet.

Ein Junge gibt mir plötzlich die Hand und sagt Hallo. Später gibt er mir wieder die Hand, als ich aus einem Klo komme, und dann geht es zu deinem Vater uns sagt ihm auf russisch, ich bin sein Freund – so konnte mir Uli übersetzen. Sehr rührend.

Alan hatte die Idee zu einem schönen Wasserfall zu fahren. Das einzige, kleine Problem war jedoch, dass der schon in Georgien lag… und unsere russischen Gastgeber ihre russischen Pässe nicht dabei hatten.

Alan versuchte dennoch sein Glück am kleinen Grenzposten. Immerhin quasselte er eine ganze Zeit lang mit seinen südlichen Landesnachbarn, doch diese blieben hart. Auch wenn Russen beliebig nach Georgien einreisen konnten – was umgekehrt nicht der Fall war – brauchten sie mindestens dafür einen Pass.

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