TIAFI – Hilfe für Syrer in Izmir

Die Medien sind voll von Berichten über die aktuelle Flüchtlingslage. Am 4. März 2020 wurden die Grenzen der Türkei für die im Land verbleibenden syrischen Flüchtlinge, die auf eine Weiterreise nach Europa hoffen, geöffnet. Die politische Kluft zwischen der Türkei und der Europäischen Union ist so groß wie nie.

An der Grenze zu Griechenland gleichen die Bilder einem Kriegsszenario, in welchem Tränengas geworfen und mit Waffengewalt gedroht wird. Die Leute werden über die Grenze aus der Türkei getrieben und dürfen weder nach Griechenland einreisen noch in die Türkei zurückkehren.


Quelle: Aljazeera

In Deutschland bekommen wir neben den Meldungen in den Nachrichten nicht viel davon mit, trotzdem bestimmt es die Gedanken der Menschen,

schürt Angst und bestärkt den Populismus der Rechten.



Es spielt keine Rolle, welche Medien man konsumiert. Es gibt keine Zeitung, keinen Radiobeitrag und keinen Fernsehbericht, die bzw. der nicht durch die Finanzierung der Geldgeber,

die aktuelle politische Ausrichtung oder das öffentliche Stimmungsbild beeinflusst sind.



Von der Hilfsorganisation Avicenna Hilfswerk e.V. werde ich dazu eingeladen mir mein eigenes Bild von der Lage auf der sogenannten Flüchtlingsroute zu machen. Viele Menschen gelangen auf ihrer Flucht aus Syrien in die Türkei und die Verheißungen vom reichen Europa lockt sie auf eine waghalsige Reise. Izmir ist eine Hafenstadt aus dem Erbe des antiken Ephesus und Brückenkopf für Schleuser, welche die letzten Ersparnisse der Menschen gegen ein ausgemustertes Schlauchboot und Attrappen von Rettungswesten handeln.

Sobald die Sonne untergeht tauschen Händler auf der Straße die Auslagen der Sportschuhe und Sweatshirts gegen poröse Schwimmringe und ausgeblichene neonfarbene Westen, deren billige Konstruktion nicht für einen Rettungseinsatz ausgelegt sind, Wasser aufsaugen und untergehen, anstatt für Auftrieb zu sorgen. In der Nacht stehen Gruppen von Familien mit aufgeschnallten Rucksäcken und Kindern an den Händen an verabredeten verkehrsreichen Stellen der Stadt und warten darauf, dass ein unauffälliger Lieferwagen kurz seine Schiebetür öffnet und sie zum Meer fährt.



Nicht alle Menschen wollen nach Europa. Viele Syrer finden auch in Izmir und Umland schlechtbezahlte Arbeit und ein leidliches Dach über dem Kopf. Das Verhältnis zwischen ihnen und den Türken ist gemischt. Manche Türken helfen ihnen, manche Türken ignorieren sie, manche schmähen sie und manche beuten sie aus. Eines der größten Probleme ist die Sprachbarriere.

Die wenigsten Türken sprechen Arabisch und für die Syrer gilt dasselbe umgekehrt. Hauptsächlich findet eine Vermittlung durch Syrer statt, die schon seit vielen Jahren in der Türkei leben und dort die Sprache gelernt haben.



Seit 2017 engagieren sich die Hilfsorganisationen Avicenna Hilfswerk e.V. und 3 Musketiere Reutlingen e.V. in einer Kooperation an einem Gemeinschaftszentrum, dass sich dieser Problematik annimmt. Unter der Leitung der Irin Anne o‘Rorke wurde eine alte Fabrik gemietet, hergerichtet und das Projekt Tiafi ins Leben gerufen. In dieser offenen Einrichtung finden syrische Flüchtlinge Übersetzer, Physio- und Psychotherapie für die Kinder und ebenfalls eine Schule für diese Kinder und ihre Mütter.

Frauen können Nähkurse belegen und Familien finden Hilfe bei Problemen mit Behörden, der Suche nach einer Unterkunft oder medizinischer Versorgung. Jeden Tag stehen Mahlzeiten nicht nur für die Syrer, sondern auch für die bedürftigen Türken in der Nachbarschaft, bereit und bringen die Menschen zusammen. Während die medizinische Versorgung vor allem von Avicenna Hilfswerk getragen wird beruht die Nähwerkstatt auf den Mitteln der 3 Musketiere Reutlingen e.V. .


Sie verlor ihre Eltern und ihre Beine im selben Moment

Ich bin gleich beeindruckt von der freundlichen Umgebung, in die ich mich mit dem Betreten des Zentrums begebe. Die Wände der Aufenthaltshalle sind bunt gestrichen, Kinder jagen durch den Raum, auch wenn sie Beinprothesen tragen, Frauen sitzen an Tischen und Bänken beisammen und durch eine offene Tür sieht man Kinder im Training mit einem Physiotherapeuten.

Anne kommt uns, den Besuchern von Avicenna Hilfswerk und den 3 Musketieren aus Deutschland, mit offenen Armen entgegen und führt uns durch die Einrichtungen mit dem Stolz einer Frau, die weiß, dass sie etwas Großes geschaffen hat, und der damit ewig verbunden Sorge um die Finanzierung dieses Mammutprojektes.



Der Grund unseres Besuches ist es, genau bei dieser Finanzierung zu helfen und zu sehen, wo sich Kosten reduzieren lassen, welche Kosten unverhandelbar sind und wo auch Investitionen sinnvoll sind. Ich erkenne, dass sich der Betrieb dieser Einrichtung nicht wesentlich von anderen Projekten unterscheidet, wenn man ihn auf die Zahlen reduziert. Die Unterschiede bestehen jedoch darin, dass die Einkünfte unregelmäßig sind, wenig Geld für Personal zur Verfügung steht und man sich stets auf politisch dünnem Eis bewegt.

Auch wenn die Nicht-Regierungs-Organisation (NRO) Tiafi, Avicenna Hilfswerk und die 3 Musketiere unpolitisch und religionsfrei sind ist man nur ein Spielball der aktuellen Entscheidungen der Regierung. Die Mehrheit der NRO wurden 2020 aus der Türkei von einem auf den anderen Tag ausgewiesen und mussten ihre Projekte unvollendet zurücklassen.

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