In den hohen Norden von Jämtland



Liebes Tagebuch

Am nächsten Morgen stehe ich schon um fünf Uhr früh auf und es scheint mir, dass sich von der Helligkeit nichts geändert hat. Lediglich die Richtung ist anders. Mein Reiseziel heute ist der hohe Norden.

Beim Stöbern stieß ich auf eine Unterkunft in den Bergen nahe der norwegischen Grenze namens Enaforsholm Fjällgård, die sehr vielversprechend aussieht. Aber es liegen 10 Stunden zu Fuß, in Zügen und Bussen vor mir im Jämtland. 



Ich gönne mir den Luxus einer Unterkunft. Ein Ersatzbus bringt mich in die Berge bis nahe an die geschlossene Grenze zu Norwegen. 

Warum ist es ein Ersatzbus? Scheinbar gibt es einen Zug, dessen Strecke gerade repariert wird. Eine Verbindung zur Außenwelt findet normal auch nur einmal am Tag statt, aber diesmal wird der Verkehr wohl über das Wochenende komplett ausgesetzt, so die Aussage der Busfahrerin, die den umfunktionierten Sprinter direkt vor der Einfahrt meiner Unterkunft hält.

Die Betreiber dort wussten auch nichts davon und machen sich die Mühe für mich bei den Verkehrsgesellschaften durchzutelefonieren. Aber sie erhalten keine verlässliche Information.

Wenn man Google glaubt, und Google wusste zumindest von dem Ersatzbus, wird erst am Montag wieder ein Zug fahren. Das ist länger, als ich geplant habe, aber ich bin flexibel.

Ich erfahre auch, dass das angegebene Restaurant nicht in Betrieb und der nächste Supermarkt 15 Kilometer entfernt ist. Auf meine Frage hin, was ich machen könnte, fuchtelt die Besitzerin hilflos mit den Armen in der Luft. Dann bietet sie an, dass ich am Abendessen teilnehmen könnte, das sie ein paar (exklusiven?) Gästen bereiten werde. Ich sage zu, auch wenn es sehr teuer wird.



Ich beziehe mein Zimmer im schönen Gästehaus. Der Hof ist so schwedisch, wie man es sich aus einem Inga Lindström Film denken kann. Er liegt direkt an einem Reisenden Wasserfall, dessen Donnern man noch weit hören kann.Ich bitte meine Gastgeber, ob sie mich am nächsten Tag zum nächsten Ort mit Supermarkt fahren könnten, damit ich mich mit Vorräten eindecken kann. Doch sie haben keine Zeit.

Stattdessen kommt eine Dame auf mich zu, die mir eine Fahrt anbietet. Sie ist selbst Gast hier und bot ihre Hilfe an, als sie sah, dass das ältere Paar in dieser Situation nicht zurecht kamen. Ich nehme das Angebot gerne an.



Herriet stellt sich als Orgelspielerin vor, die gerade zwei Wochen Urlaub nutzt, um durch Schweden zu fahren. Sie lebt ganz am anderen Ende Schwedens in Lund. Wir unterhalten uns etwas, dann lädt sie mich auf einen abendlichen Road Trip ein. Wir fahren Richtung Westen nach Storlien, der letzten Stadt vor der Grenze. Sie liegt schon höher in den Bergen und ich bin überrascht davon, wie hoch der Schnee hier noch liegt und wie vereist die Flüsse und Seen sind. Das beantwortet mir die Frage, ob ich durch die Berge wandern kann, auch wenn die Berghütten noch geschlossen sind.

Wir fahren weiter und kommen an einer verlassene Grenzstation. „Darf ich hier weiter fahren?“ fragt Herriet. „Nein, aber scheinbar kontrolliert das keiner. Also lass uns fahren und Norwegen angucken.“ sage ich.

Sie fährt zögerlich weiter und wir sehen mehr von der Landschaft aus Bergen und Schnee, die ins goldene Licht der untergehenden Sonne getaucht wird.

Irgendwann erreichen wir doch eine Polizeisperre. Herriet ist sehr aufgeregt und fragt, was sie sagen soll. Ich beruhige sie und sage, dass, wenn die Norweger so freundlich wie die Schweden sind, wir uns entschuldigen und einfach zurückfahren. Und so einfach war es auch. Der Beamte spricht kurz mit Herriet, lächelt und gibt den Weg frei, sodass sie wenden kann.

Als wir Enaforsholm erreichen wundere ich mich. War dieser Figur von einem Elch schon immer da gewesen? Direkt am einfach steht starr ein lebendsgroßer bewegungsloser Elch. Herriet ist ebenfalls irritiert. Er sieht sehr echt aus, aber es bewegt sich kein Ohr, Auge oder Schwanz. Ich will das morgen genauer ansehen. Dann wird sich herausstellen, dass es wirklich ein Elch war.



Herriet hält ihr Versprechen und bringt mich extra sogar 40 Kilometer zum nächsten Ort und zurück, da der nächste Supermarkt geschlossen ist.
Sobald ich zurück bin möchte ich wandern. Die Gastgeberin Elenor empfiehlt mir den Weg auf einen nahen Berg, von dem man einen guten rundum Blick hat. Es geht eine Zeit lang über Bretter durch ein Moor, bis der Weg auf den Berg führt, wo ich auch über Schneefelder laufen muss. Am Ende erreiche ich eine winzige Hütte über der Baumgrenze und genieße das Panorama. Die Kulisse erinnert mich an Alaska und prähistorische Zeiten.


Sobald ich zurück bin fühle ich mich noch zu einer weiteren Tour motiviert und schlage den Weg zu den Silberfällen ein, die angeblich vier Kilometer entfernt sein sollen. Obwohl der Weg nicht anspruchsvoll ist dauert es doch viel länger, als diese Distanz verlangen dürfte. Der Weg ist abwechslungsreich, führt zuerst durch den Wald, über Schnee und dann über Wege aus Brettern über das Hochmoor zum nächsten Berg. Der Wasserfall beeindruckt mich aber nicht und ich kehre sofort um. Der Hunger meldet sich.



Am nächsten Morgen nehme ich das Angebot an ein Fahrrad zu nehmen, um damit zur Bergstation Storlovan zu kommen. Das Vorhaben scheint ambitioniert, aber ich habe nichts besseres zu tun. Laut Google sind es 22 Kilometer. Höhenmeter nicht eingerechnet. Das Fahrrad hat drei Gänge und der Rahmen des Vorderrades hängt schief. Ich mache mir keinen Stress und radel los. Es muss albern aussehen, wie ein großer Mann wie ich mit Wanderschuhen und großem Rucksack auf dem Fahrrad einer alten Oma den Berg hinauf strampelt. Einige Höhen muss ich schieben, dafür kann ich andere Passagen fast entspannt rollen lassen. Etwas nervös bin ich, da ich es mir gut vorstellen kann, dass sich plötzlich die eine oder andere sehr wichtige Schraube löst. Ich will nicht daran denken. Die Bremsen funktionieren kaum.

Ich erreiche die Bergstation überraschenderweise in der von Google angegebenen Zeit und denke daran zurück, dass ich für Hälfte der Strecke geschoben habe.
 

Wieder finde ich eine wunderschöne Landschaft vor mir. Die Station ist noch nicht offen, dennoch sind viele Sonntagsausflügler hier. Ich weiß nur nicht, was die hier machen. Manche sehe ich mit Skiern sich in die Weite aufmachen. Die Wege sind verschneit. Manche Hinweisschilder ragen nur knapp aus dem Schnee heraus. Dennoch sehe ich immer wieder wie Leute mit leichtem Gepäck die Richtung der nächsten Hütte einschlagen und nicht zurück kommen. Ich wähle den Weg ebenfalls, um herauszufinden, wohin sie gehen. Nach einiger Zeit auf dem Schnee schlage ich den Rückweg ein und lasse das Geheimnis ungelüftet.



Nach einer rasanten Abfahrt mache ich einen Abstecher in die kleine Stadt Handöl. Dort soll es ein Café geben, das aber geschlossen ist, dafür finde ich aber einen mächtigen Wasserfall, der Gegend mit Strom versorgt.



Der Zug am nächsten Tag hat 25 Minuten Verspätung, aber er kommt. Google weiß Bescheid.


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