Liebes Tagebuch

Nachdem ich Christian verlassen habe folge ich am nächsten Tag weiter der Straße und hoffe per Anhalter in die Stadt Gimo zu kommen, aber niemand hält. Es sind etwa 24 Kilometer bis dorthin. Wenig Leute befahren diese kleine Straße und es gibt nur ein paar Höfe und kleine verstreute Häuser auf dem Weg.

An einem der vielen Bauernhöfe mache ich halt, um etwas frische Milch zur Stärkung zu kaufen. Da ich niemanden sehe gehe ich in den großen Stall.

Eine Frau wird auf mich aufmerksam und fragt, was ich will. Ich erkläre meinen Wunsch. Sie wirft ihre Zigarette in einen Gulli, trifft aber nicht und ignoriert die weiter glühende Kippe. Dann wendet sie sich um, nimmt einen Hammer und schlägt gegen den Bolzen einer Tür, sodass alle Viecher im Stall – mich eingeschlossen – zusammenzucken. Sie wendet sich wieder mir zu, überlegt, und sagt „I don’t have time for this“. 

Vor seinem Haus treffe ich Tim bei der Gartenarbeit. Wie bisher für Schweden ungewöhnlich grüßt er mich freundlich und erwartungsvoll und gibt mir Gelegenheit ein Gespräch zu öffnen. Vielleicht sucht er nur einen Grund um die Arbeit zu verzögern.

Er erzählt, dass er in dem Haus mit seinem Vater lebt und dort schon immer wohnte. Nun ist er freiberuflich Informatiker und hat es schwer in Konkurrenz mit günstigen Programmieren aus Indien zu treten.

Sein bester Freund ist sechzehn Jahre alt und ein Kater, der mich misstrauisch anschielt.

Tims Verwandte wohnen hier maximal 20 Kilometer entfernt. Ein wenig Mitleid habe ich mit Tim, der es an diesem Ort sicher nicht leicht haben wird eine Freundin zu finden. 

Ich laufe weiter und bei meiner Mittagspause halten zwei schwedische Hippies an, die mich mit nach Gimo nehmen.

Dort versorge ich mich einem Bier und Essen, finde ein Klo nur im örtlichen Krankenhaus und laufe auf Empfehlung der Hippies zu einem Seebad, wo ich schwimme, meine Sachen wasche, die Sonne genieße und abends noch lange mit meinen Freunden Skype, bis Christian wieder aus dem Busch auftaucht und dazustößt.

Er ist ziemlich hungrig und dehydriert und macht sich über meine Vorräte her. 

Lektion über Schweden: Arbeitsmoral
Die Schweden haben ein sehr ausgeprägtes Gemeinschaftsdenken. So ist es nicht verwunderlich, dass individuelle Ambitionisten unerwünscht sind. Man sieht es nicht gerne, wenn sich jemand mit Ellenbogen vorboxt und auch großartige Ideen hat. Bescheidenheit ist das Stichwort. Profilierung hassen die Schweden. Ein einzelner macht keine Überstunden, denn er könnte die anderen schlecht aussehen lassen. Wenn jemand eine Innovation hat wird diese auf die Gruppe verteilt. Diese Tradition hat auch einen eigenen Namen: Jantelagen

Den nächsten Tag verbringen wir zur Hälfte noch am See und am Supermarkt, dann einigen wir uns darauf woanders hinzugehen und den Upplandsleden zu unterbrechen. 

Im Supermarkt treffen wir ein schwedisches Pärchen, das wir unterwegs schon getroffen haben, und erhielten gute Tipps.

Wir erhalten auch die Information, dass Busse (theoretisch, da Tickets nur online erhältlich sind und nicht kontrolliert wrath) wegen Corona umsonst sind. Daraufhin schnappen wir uns den ersten nächsten Bus und fahren nach Öregrund an die Küste.

Wir sehen eine Fähre auf eine gegenüber liegende Insel Gräsö, die gratis ist, und nehmen auch die. Dort steht ein Bus, der uns bis zur südlichen Spitze bringt. Wie bei einem großen Taxi sagen wir, da wir die einzigen sind, dem Fahrer, wo wir hin wollen. Dort finden wir einen schönen Platz neben einem Bootshaus. Der Besitzer lässt sich mit einem Bier schnell bestechen und gibt uns seinen Segen. Mit Lagerfeuer direkt am Strand und Grill Wurst geht der Abend zuende. Faszinierend viele Vögel tönen aus den Wäldern und der See. Möwen, Küstenseeschwalben, Haubentaucher, Kormorane lassen sich beobachten. 

Am nächsten Morgen müssen wir früh aufstehen, da nur der Schulbus um 7 Uhr fährt, sonst gibt es keinen. Wir frühstücken am Hafen und nehmen Busse bis nach Stockholm, weil wir eine verrückte Idee haben: lass uns versuchen nach Aland zu kommen. Wer hat auch schon von diesem kleinen Land in der Ostsee gehört? 

Lektion über Schweden: Wohnen
Das Land ist sozialistisch, auch wenn es mehrere Parteien gibt und man keine roten Flaggen sieht. Das Gemeinschaftsgefühl ist sehr groß. Dem Staat gehört alles. Auch das Land und das Haus, man erkauft nur das exklusive Nutzungsrecht. Horrende Mieten gibt es nicht. Es gibt etwa eine Handvoll Baugesellschaften, die Häuser bauen. Diese oder private Eigentümer können aber dort nicht wohnen lassen, wen sie wollen, und nicht die Preise verlangen, wie sie wollen. Der Staat hat ein Lotteriesystem, das Mietern ihre Wohnung zulost. Die Miete wird durch die Anzahl Quadratmeter bestimmt. Zum Kauf einer Wohnung gibt es ein Reihenfolgensystem. Eltern setzen daher ihre Kinder schon für Wohnungen in Stockholm schon nach der Geburt auf die Liste, die natürlich lang ist. Wenn man nach Jahren an der Reihe ist kann man jeder Wohnung zu oder absagen. Die Priorität liegt stets beim Interessenten mit der höchsten Wartezeit. 

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