Liebes Tagebuch

Endlich brechen wir auf. Ich fühle keine Aufregung. Ich fühle nichts. Ich habe nur Dinge im Kopf, an die man denken muss. Wenn ich überhaupt denken kann. Meine Handlungen werden automatisch durchgeführt. Leon lässt keine Zeit um zu denken. Das Gehirn funktioniert nur 50%.

Ein Drittel der ausgemachten Verbesserungen am Auto wurde nicht fertig. Es wurden keine Alarmanlage und kein Schnorchel eingebaut und Gardinen sowie das Moskitonetz fehlen. Schönheitsreparaturen wurden nicht mehr gemacht. Der Tisch aus Holz hat Schäden.




Auf dem Weg nach Westen sehen wir zahlreiche Schilder mit Hinweisen zu Kolonien. Manche davon sind alt, manche neu, in vielen davon alte und neue Nazis. Viele Deutsche haben Kolonien gegründet, unter anderem Leute mit Weltanschauungen, die den Werten der Regierung und Gesellschaft in Deutschland aktuell widersprechen. Gerade durch die Corona Pandemie sind viele sogenannte „Querdenker“ nach bestem Vorbild von Nationalsozialisten, Massenmördern und Ärzten ohne Skrupeln nach Paraguay ausgewandert und möchten im Kleinen ihre Welt nach ihren Vorstellungen aufbauen.

Eine lange gerade Straße führt bis nach Ciudad del Este. Dazwischen gibt es nichts Sehenswertes außer kleinen Dörfern, Rinderweiden und Kolonien.

Wir übernachten in Pirebebuy bei einer deutschen Rentnerin. Seit 15 Jahren ist sie in Paraguay, ohne Spanischkenntnisse. Dafür mit Hunden, dem Papagei „Rudi“ und vielen anderen deutschen Freunden, die ihr aushelfen. Unterwegs fallen mir viele deutsche Lokalitäten auf, Restaurants mit Namen wie „Oktoberfest“ oder „Biergarten“.




Ich hatte schon davon gehört, dass die Polizei im Land korrupt ist, nun fühle ich es. Eine Polizeikontrolle hält mich an und macht mich darauf aufmerksam, dass mein Licht aus ist. Das habe ich an der letzten Tankstelle tatsächlich vergessen wieder anzuschalten. Der Trick kein Spanisch zu verstehen klappt nicht mehr. Die Cops haben auch schon Google translate für sich entdeckt und machen mir klar, wie strafbar das Ganze ist. Der junge Cop, der mich angehalten hat, verweist mich an seinen dicken alten Chef. Der will mir erzählen, dass dieses Verbrechen mit 620.000 gs geahndet wird – fast 100 Euro. Ich sage, dass ich das Geld nicht habe.

Die beiden Cops grübeln, dann fragt der Chef wieviel ich habe und ich zeige ihnen die 200 gs in meiner Tasche. Dann wollen sie wissen, ob ich eine Kreditkarte habe, mit der ich das Geld wohl abheben könnte.

Allerdings scheinen die beiden mich nicht wirklich jetzt gehen lassen oder zum nächsten Geldautomaten fahren zu wollen. Der Dicke fragt mich nach US Dollar und ich bestätige, 50 Dollar zu haben. Die wollen sie haben und dann geben sie Ruhe.

Wir lassen uns die Laune nicht verderben. Es wird Mittag und Leon hat Hunger. Es ist zwar eine Autobahn mit zwei Spuren auf jeder Seite, trotzdem kann man jederzeit auf- oder abfahren. Wir sehen ein paar kleine Häuser mit Bäumen und nutzen den Schatten für Picknick. Zum ersten Mal kommen Tisch und Stühle sowie der Campingkocher zum Einsatz.

Wir folgen der Straße noch zwei Stunden, bis wir im Osten Paraguays, in der Stadt Ciudad del Este, ankommen.



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