Liebes Tagebuch

Nach weniger Planung und relativ spontan machen wir uns auf den Weg: wir starten von unserem Auslandssemesteraufenthaltsort Granada am 10. Februar um 9 Uhr morgens vom Busbahnhof Richtung Algeciras, um eine Fähre nach Tanger zu nehmen.

„Wir“ sind Susanne und mein finnischer Freund Olli, und „wir“ sind halb tot. Denn am Vorabend haben wir eine große Party in unserem Haus gefeiert, da unser Mitbewohner Jörn und unser Passiv-Mitbewohner Jan ihre Geburtstage feierten, und diese Feier ging auf spanische Art bis etwa 6 Uhr morgens. Als ich um 7 Uhr wieder verkatert nach ein paar Minuten Schlaf wieder aufstehe, sind Fredo und Piet immer noch am Dart spielen.

Olli hat sich auch entschlossen mit uns zu kommen, aber nur für eine Woche, da er versprochen hatte beim Abschied seines Mitbewohners zurück zu sein.

Wir schafften es eher weniger schlecht als recht im Bus nach Algeciras zu schlafen. Dort angekommen wenden wir uns direkt zum Hafen, wo tausende Geschäfte Tickets bei zig Gesellschaften nach Tanger verkaufen.

Der nette und uneigennützige Bürger bietet mir noch liebenswürdigerweise an, meine Euros in marokkanische Dirham zu wechseln, da man in Marokko ja offensichtlich nicht mit Euros zahlen kann. Als ich jedoch entgegne, dass die Ein- und Ausfuhr von marokkanischem Geld absolut verboten ist, nimmt der Mann schnell die Beine in die Hand.

Das am seriösesten aussehende Gebäude ist jedoch geschlossen, aber ein freundlicher und absolut uneigennütziger Bürger bringt uns zum Geschäft seines Vertrauens, in welchem man uns für teure 36€ Tickets für die nur eine halbe Stunde später auslaufende Fähre verkauft. Hektik ist das beste Mittel für schnelle und unkomplizierte Abzockerei, das lernen wir schnell.

Da wir davon ausgehen, dass das Schiff jeden Moment ablegt, eilen wir zum „Terminal“, um noch rechtzeitig einzuchecken. Als das getan ist dauert es noch eine gute Stunde, bis das Schiff endlich seine Motoren anwirft.

Dies ist eine Premiere. Es ist meine erste spontane und komplett ungeplante Rucksackreise. Mal sehen, wie das funktioniert!



Die Fähre ist eine dem Namen nach beeindruckende „Fast-Ferry“ und soll eigentlich nur eine Stunde brauchen; letztendlich braucht sie aber doch zwei. Während der Fahrt, die uns direkt an dem beeindruckenden und ewig in Nebel hängenden Fels von Gibraltar vorbeiführt, können wir noch an Bord formal nach Marokko einreisen. Dafür gibt es im Schiff das kleines Büro eines marokkanischen Zollbeamten, der uns die Einreisestempel in unsere Pässe hämmert. Das erleichtert sehr die Einreise in das Land. Ich wundere mich aber, was mit den Passagieren passiert, denen die Einreise verweigert wird.

Interessanterweise können wir einige Marokkaner dabei beobachten, wie sie sich an Bord umziehen und ihre Jeans und T-Shirts gegen Kaftane und Kappen tauschen.

Immer noch halbtot stehen wir vor dem Zwiespalt entweder draußen die tolle Szenerie zu verfolgen oder einfach nur zu schlafen. Wir raffen uns doch irgendwie auf uns über die Reling zu hängen und der schlechten See etwas abzugewinnen. Wir können nun Europa auf der einen Seite und Afrika auf der anderen Seite sehen, aber es dauerte noch eine Weile, bis auch Tanger aus dem Nebel auftaucht. Dafür springen ein paar Delfine vor uns aus dem Wasser.



Am Hafen von Tanger angekommen kümmern sich plötzlich wieder viele Leute rührselig um uns. Der Erste weist sich als „offizieller Tourismusamt-Beauftragter“ aus, der natürlich kein Geld will, sondern nur unser Bestes und freizügig Informationen verteilt. Nach und nach versucht er uns jedoch sein Angebot schmackhaft zu machen einen „tollen“ Tag in Tanger zu verbringen, die Moscheen zu sehen, Kuskus zu essen etc. Für das Gepäck gäbe es irgendwo eine prima offizielle Lagerstätte, den Preis von dem ganzen Spaß ist eine Frechheit.

Wir lehnen wir das Angebot nachdrücklich ab und versuchen den Kerl wieder irgendwie loszuwerden, als schon die nächsten Leute versuchen unsere Aufmerksamkeit mit ihren Angeboten auf sich zu ziehen. Ich schnappe mir einen von den Kerlen, der nicht ganz zu schlimm aussieht, der mir teigen soll, wo ich Geld tauschen kann und ich ein Taxi finde.

Tanger macht direkt einen schlechten Eindruck auf uns und wir möchten direkt weg von hier. Im Hinterkopf habe ich die Idee in die alte Königsstadt Meknes weiter zu fahren.

Ohne Belohnung zu erwarten verschwindet der Bursche er wieder, wobei er bestimmt seinen Teil von uns abbekam, während wir mit dem Taxi zum Bahnhof fahren und zum ersten Mal eine arabische Stadt und arabischen Verkehr zu spüren bekommen. Tanger kann man von seinem Flair kaum als arabische Stadt beschreiben; der einzige Hinweis sind die Minarette, die überall erkennbar sich aus dem Stadtbild heben, ansonsten sieht Tanger wie jede andere heruntergekommene Stadt aus. Der Verkehr ist eigentlich auch nicht so schlimm. Jedes Auto fährt zwar so, wie gerade Platz ist, aber zum Glück ist der Verkehr nicht so dicht.

Sowohl der „offizielle Tourismusamt-Beauftragte“ als auch der andere „hilfsbereite“ Mensch versuchen uns weißzumachen, dass es vollkommener Quatsch sei jetzt nach Meknes zu fahren, da der Zug erst spät dort ankäme. Es sei ja viel besser, zuerst nach Marrakech zu reisen, weil man dabei im Zug übernachten kann, oder am Besten noch erstmal in Tanger zu bleiben.

Wir diskutieren unsere Optionen, ob wir der Wüste wegen, da Olli ja nur eine Woche bei uns war, zuerst nach Marrakech fahren sollen und von dort in die Wüste aufbrechen. Mir ist aber nicht wohl bei dem Gedanken, ohne Erfahrungen in dem Land direkt schon soweit ins Nirgendwo zu vorzudringen, also bleiben wir dabei und kaufen unsere Zugtickets nach Meknes.

An den Bahnhöfen in Marokko sind die Gleise nicht offen, sondern ein Mann, der die Karten abreißt, sitzt am Durchgang und lässt die Leute zu den Gleisen. Zumindest in Tanger ist das ein ziemliches Gedrängel.

Am Bahnhof lernen wir nun eine weitere Lektion: handle vorher mit den Taxifahrern einen Preis aus! Am Ziel erreicht möchte er nun 2€ von jedem von uns haben, was für die Strecke zu viel ist. Da ich jedoch keine Möglichkeit sehe und auch noch keine Vergleiche kenne bezahle ich den Preis. Später werde ich in allen unseren Unterkünften fragen, welche Preise für welche Taxifahrten angemessen sind; so kann ich mühelos alle Taxifahrer in Zukunft herunterhandeln.



Im Zug fühlen wir uns sehr komisch. Jeder scheint uns anzuschauen und wir sind ganz offensichtlich die einzigen Touristen in dem Zug. Zwei Typen neben uns beginnen mit uns auf Englisch zu plaudern. Jeder Marokkaner scheint irgendwo zwei Sätze ins Hirn gepflanzt bekommen zu haben: „You first time in Morocco? Welcome to Morocco!

Aber die zwei sind sehr freundlich und erklären mir, dass die Marokkaner eigentlich Berber sind und Berber ihre Muttersprache ist. Zusätzlich sprechen sie Arabisch und Französisch. Glücklicherweise sprechen dieser ältere Herr und sein Sohn auch Englisch.

Der Vater notiert mir auch auf einen Zettel eine Sammlung wichtiger Worte auf Arabisch/Berber in arabischer und lateinischer Schrift auf mit englischer Übersetzung. Ein Auszug, ohne arabische Schriftweise:


Salam                                – Hallo

Salam aleikum                   – Hallo (an eine Gruppe)

Aleikum salam                  – … auch hallo! (Antwort)

Schukran                           – danke

La-schukran                      – keine Ursache

Sabd – alchair                    – guten Morgen

Mese – alchair                   – guten Abend

Leila sahida                       – gute Nacht (wobei „leila“ und „sahida“ Frauennamen sind 🙂

Ye                                     – ja

La                                      – nein

Jella                                   – Auf geht’s!

Achi                                  – Freund, Kumpel


Das Vokabular stellt sich für uns und die Reise als sehr wichtig heraus. Dadurch hebt man sich von den anderen desinteressierte Touristen ab und erhält gleich einen Sympathiepunkt mehr bei jedem Einheimischen.

Die beiden waren unterwegs nach Assilah, einem kleinen Fischerstädtchen unweit von Tanger, das sie und auch mein Reiseführer sehr anpreisen. Sie scheinen recht beleidigt zu sein, als wir trotzdem bei unserem Plan bleiben, weiter nach Meknes zu fahren. Irgendwie jeder scheint uns davon abhalten zu wollen dorthin zu reisen. Ohne Gruß verlassen sie in Assilah den Zug. Ich grüble darüber, ob wir sie beleidigt und eine großartige Gelegenheit verpasst haben oder ob sie uns am Ende doch auch nur ausnehmen wollten. Wer weiß.

In einem Kaff namens Sidi Kacem müssen wir umsteigen. Die beiden Marokkaner hatten noch gemeint, dass der Umstieg sehr gefährlich wäre, wie allgemein das Reisen im Land um diese Uhrzeit. Trotz der Warnung verläuft aber alles tadellos. Mehrere andere Leute müssen ebenfalls umsteigen und der zweite Zug ist, wie wirklich jeder Zug, mit dem wir jemals in Marokko fahren werden, auf die Minute pünktlich.

Allerdings war es etwas schwierig herauszufinden, wo wir uns gerade befanden und an welchem Bahnhof wir raus müssen. Während uns im ersten Zug die Schaffner sehr geholfen hatten, sind wir hier darauf angewiesen, die Leute um uns herum unbeholfen zu fragen. Jeder Fahrgast spricht bestenfalls etwas französisch, aber irgendwie bekommen wir unsere Informationen und steigen in der Königsstadt Meknes aus.

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