Liebes Tagebuch

Las Galeras liegt an einem der östlichsten Punkte der Halbinsel und dürfte einer der abgelegenste Ort des Landes sein. Es ist nicht mehr weit von El Limón und seinem bezaubernden Wasserfall an das Ende der Samana-Halbinsel.

Trotz der Abgelegenheit gibt es auch hier einige Formen Tourismus. Hier gibt es immerhin keine Resorts, mehr dafür Unterkünfte für Individualreisende wie uns. Wir finden ein kleines Ferienhäuschen, das von einem netten Italiener namens Dario betrieben wird.








Solange das Wetter so schlecht ist können wir nicht viel tun. Ich denke mir, dass wir vielleicht etwas Motorrad fahren können. Auf der Straße frage ich einen Typen, ob ich sein Motorrad ausleihen kann. Er lacht erst und denkt, ich scherze, aber dann frage ich ihn, was er haben will und wir werden uns einig.

Jessica und ich fahren den ganzen Tag auf seiner kleinen Maschine, die allerdings nicht viel Leistung hat und am Hang schnell ins Keuchen kommt.

Nach Stürmen und Gewittern haben wir in Las Galeras nach zwei Tagen den ersten richtigen Sonnentag überhaupt. Ich will sofort mit dem Kajak in See stechen, das ich extra aus Deutschland mitgeschleppt habe. Das Wetter ist warm und der Wind schwach. Wir lassen uns an einen entfernten Strand bringen und paddeln ohne Wellen zu begegnen weiter auf das Meer hinaus.



Wir legen entlang der Küste einige hundert Meter zurück. Unser Ziel ist das Ende der Bucht, in die wir hineinfahren. Die Küstenlinie ändert sich zusehends und wechselt von idyllischem Strand zu steilen Klippen, an denen sich Wellen brechen. Warum brechen sich hier Wellen? Wir stellen fest, dass der Wind zugenommen hat und wir uns auf einer ungünstigen Linie befinden. Links von uns werden die Wellen größer und beginnen zu brechen, rechts von uns scheint uns die Strömung in den offenen Ozean zu ziehen.

Wir paddeln auf diesem schmalen Grad, doch die Linie ändert sich ständig. Schließlich kommen wir doch der Küste zu nahe und die Wellen erwischen uns von der Seite. Ich drehe das Kajak rechtzeitig in die Wellen und wir gleiten darüber. Bis eine Welle zu schnell kommt. Sie bricht direkt über uns und wir werden mit all unseren Sachen aus dem Boot gespült.

Ich komme wieder an die Wasseroberfläche und schaue mich um. Das Boot treibt kopfüber. Andere Sachen sehe ich vereinzelt herumtreiben. Jessica kämpft mit dem Wasser. Im Akkord brechen plötzlich Wellen über uns. Ich schwimme zu Jessica und halte sie so, damit sie endlich wieder den Kopf über das Wasser halten und atmen kann. Dann ziehe ich sie mit mir mit zum Boot und wende es, damit sie sich mit den Armen soweit in das Kajak werfen kann, um halt zu haben. Dann schiebe ich uns zu einem Strand, den ich an der Küste zwischen den Klippen bemerke. Immer wieder tauchen Sachen von uns auf, ein Paddel, mein Hut, die ich ins Boot werfe.



Leider scheint aber meine GoPro weggespült worden zu sein. Ich sehe mich um, aber gebe dem kleinen Gerät keine Chance. Dafür sind wir zu weit draußen gekentert. Scheinbar habe ich kein Glück mit GoPros. Nach dem Verlust einer Kamera auf den Philippinen ist das nun die zweite, die ihren Weg nicht mehr zu mir nach Hause findet.

Ich schaue wieder nach Jessica, der das Atmen immer noch schwerfällt, und kümmere mich um sie. Dann versuche ich mit meinem durchtränkten, aber noch halbwegs funktionsfähigen Smartphone Dario zu erreichen. Er nimmt auch ab, aber wir verstehen uns kaum und die Verbindung bricht ab.

Ein großer Felsen taucht zwischen den Wellen auf und im letzten Moment navigiere ich uns um diesen herum, bevor wir auch schon an den Strand gespült werden. Ich helfe Jessica aus dem Boot in den trockenen Strand, wo sie erstmal das Salzwasser in ihrem Körper loswerden muss. Ich schaue mich um, welche unserer Sachen ich noch finde. Die meisten unserer Dinge treiben in der Nähe im Wasser und ich kann es aus den Wellen fischen. Der Sack, in den das aufblasbare Kayak eingepackt wird, ist nach wie vor gut am Boot befestigt und darin scheinen auch noch alle Gegenstände sein sein.

Sobald es Jessica wieder besser geht machen wir uns auf den Weg. Ich packe das Boot, die Paddel und Sachen in den großen Packsack und über einen kleinen Trampelpfad gelangen wir durch den Dschungel nach einer Stunde Marsch an einem kleinen Badestrand.

Ein Polizist kommt auf uns zu und fragt, ob alles in Ordnung ist, ob wir einen Unfall hatten? Ich verneine und sage, das alles bestens ist. Jessica steht immer noch unter Schock, aber ich will nicht, dass die Polizei sich um uns kümmert und am Ende abkassiert. Tatsächlich sind hier einige Polizisten am Strand und mit einem spricht gerade Dario. Als er uns sieht, kommt er auf uns zu und fragt ebenfalls, ob alles in Ordnung und was passiert ist. Ich erkläre ihm eine harmlose Form davon, was passiert ist. „Erzählt das nicht der Polizei, oder die wollen Geld für eine großangelegte Suchaktion nach euch, die sie aber nie durchgeführt hat!“ Dario erklärt uns, dass er die Polizei alarmierte, als er meinen abgehackten Anruf mit den Bruchstücken „gesunken — Schiffbruch — im Nirgendwo — helfen“ erhielt. Ja, ich habe der Polizei schon gesagt, dass es ein „Missverständnis“ war und Dario zieht uns schnell in sein Auto, bevor ein enthusiastischer Beamter zu viele Fragen stellen könnte.

Wir sind Dario dankbar dafür, dass er uns abholt und sich um uns Sorgen gemacht hat. Als er erfährt, dass ich meine GoPro bei der Aktion verloren habe, bietet er mir direkt sein Motorrad an, um am nächsten Tag auf die Suche zu gehen. Ich will ablehnen, aber er besteht darauf. Er hat die Fotos von meinem Motorrad gesehen und besteht darauf, dass ich nach der Kamera suche. Schon wieder bin ich ihm unglaublich dankbar.




Leider konnten wir trotz intensiver Suche die GoPro nicht aufspüren. Eventuell hat sich das Gerücht auch schon verbreitet, das ein Westler seine teure Kamera hier verloren hat, und der Goldrausch hat bereits eingesetzt.

Für uns bleibt aber der Tag auf dem Motorrad als der eigentlich schönste in Erinnerung. Wir fahren durch den Dschungel, durch das Wasser und über den Strand. Auf den Straßen gibt es keine Regeln und keine Geschwindigkeitsbegrenzung, dafür Ziegen, Hühner, Kinder, Schlaglöcher, Laster, und auch viel Nichts. Ich fahre in Sandalen und offenem Hemd, es gibt keine Helme, die Bremsen vorne funktionieren gar nicht, hinten kann man quasi vergessen, alle Teile sind verrostet und alle Instrumente kaputt…

Und ich fahre meine Geschwindigkeit und plötzlich ist da keine Straße mehr. Ich krüpple durch eine Mondlandschaft und lande in einem Fluss, der früher mal die Straße war, und hoffe, dass man nicht in einem Loch vollends absäufst.

Dann bin ich am Strand und heize durch den plattgefahrenen Sand, schlittere hier und da mal durch die Gegend, hoch runter, in die enge Kurve, yeeeaahh… Wann fühlt man sich so lebendig und frei?

Es ist warm und das Fahren macht extrem viel Spaß. Auch wenn die Kamera teuer war, diesen schönen Tag ist es wert.


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