Die verrückte Koman-Fähre




Liebes Tagebuch

Wir kämpfen uns wieder durch den albanischen Verkehr und nehmen die einzige Autobahn in Richtung Norden, die Albanien zu bieten hat. Unser Ziel sind die nördlichen Berge, der Koman-See, das Valbona-Tal und der Kosovo. Doch die Autobahn ist wieder komplett verstopft und ich beschließe mein Glück durch die Dörfer zu versuchen. Dort gab es kaum Verkehr, aber auch kaum Asphalt, aber dafür Löcher, in denen man Kleinwagen versenken kann.

Es dauert ewig, sich durch die Pisten zu schlängeln, und die Dörfer waren wenig interessant. Nach einigen Stunden beschließen wir zur Autobahn zurückzukehren. Hinter mir hupt und blinkte ein Autofahrer, der allerdings scheinbar nicht an mir vorbei möchte.

Als ich anhalte gestikuliert er zu dem Plastikteil, das am Unterboden hinabhängt. Ich danke und fixiere es wieder für den Moment. Die Albaner sind sehr aufmerksam.  

Die Autobahn ist wieder frei. Der Begriff „Autobahn“ führt aber in die Irre, denn die Straße ist lediglich einspurig. In Shkodra zweigt sie sich einerseits nach Montenegro, von wo wir später zurückkehren werden, und nach Osten in die Berge ab. Die Strecke ist nicht sehr spannend, doch als wir die Berge beim Licht der Dämmerung erreichen haben wir eine atemberaubende Kulisse vor uns.




Es ist bereits Sonnenuntergang und das Tal von Koman wird in goldenes Licht getaucht. Dieses Orange bildet einen natürlichen Komplementärkontrast zu dem Türkis des langen Sees, der tief im Tal liegt. Die Luft ist angenehm warm. Die Geröllstraße schlängelt sich weit in viele Täler hinein, die vom Haupttal abzweigen, bis wir abends nicht weit vom Fähranleger einen kleinen Zeltplatz erreichen. Dort stellen wir unsere Zelte auf uns lassen den Abend mit einem Whisky ausklingen. Es soll die Ruhe vor dem Sturm sein.


Die Nacht ist gut und wir machen uns zeitig auf den Weg. Auf dem Zeltplatz sind noch andere, welche die Fähre nehmen wollen. Einige fahren schon mehr als eine Stunde früher los, um den nur zwei Kilometer entfernten Anleger zu erreichen. Kurz nachdem wir aufbrechen erfahre ich den Grund dafür. Um den Anleger zu erreichen muss man einen schmalen und unbeleuchteten Tunnel durchqueren. In unserem Fall ist dieser Tunnel zwar beleuchtet, aber nur vor lauter Autos, Bussen und Lastern. Auch Motorräder schlängeln sich am Rand vorbei. Uwe und Chris verlassen den Wagen, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen, während ich im Tunnel die Stellung halte. Und sie kamen eine lange, lange Zeit nicht wieder.

Ein Mann mit einer Liste und ernstem Blick spricht mich an und fragt nach einer Reservierung und den Namen der Fähre, die wir nehmen, denn es gibt zwei.

In einem Anfall von Geistesgegenwart hatte ich Rovena in Tirana noch gebeten, für uns am Telefon eine Reservierung zu machen. Den Namen der Fähre weiß ich nicht und der Typ gibt sich nach einiger Überzeugungsarbeit damit zufrieden, dass ich keinen Zettel vorzeigen kann.

Ich werde zur Seite gewunken und auch die Fahrzeuge vor und hinter mir kommen in Bewegung. Aus der Dunkelheit vor mir schieben sich zwei Scheinwerfer; ein Auto muss in die entgegensetzte Richtung aus dem Tunnel heraus. Der schiere Wahnsinn, da hier alles dicht ist. Mit Maßarbeit, eingeklappten Rückspiegeln und dem sicheren Gefühl eine Vollkaskoversicherung abgeschlossen zu haben kommt das Fahrzeug unbeschadet vorbei.



Da sich nichts bewegt steige ich aus und will mir das ganze selbst einmal ansehen. Der Tunnel voller Autos macht noch eine Biegung und endet dann auch schon am Anleger, wo die Inkarnation eines logistischen Alptraums vorherrscht. Der ganze Anleger ist voller Fahrzeuge, die auf die beiden Boote zusteuern. Gleichzeitig wollen von diesen Booten auch noch Autos runter und durch den Tunnel in die Freiheit. Platz gibt es keinen, nur Wasser oder Berg.

Einer der ernsthaft dreinblickenden Typen mit einem Block schüttelt den Kopf und pflichtet mir bei, dass diese Situation ein Wahnsinn sei. Er bestätigt auch meine Frage, ob die Situation jeden Tag so aussieht – was mich darüber wundern lässt, warum man nicht aus der Situation lernt und etwas verbessert. Indem man beispielsweise den Tunnel solange versperrt, wie die Boote noch beladen sind…

Die ernsthaften Typen mit Block sind routiniert und auch wenn es scheint, dass sich diese Knoten nie lösen können muss es jeden Tag zuvor auch schon funktioniert haben. Sie schieben und winken, um für die nach draußen Fahrenden einen Korridor zu schaffen. Gleichzeitig nutzen diesen Korridor wiederum aber ein paar Albaner, um sich nach vorne zu mogeln.

Das macht mich wütend und ich weiß, dass ich genug von den Albanern auf der Straße gelernt hatte, um mich nicht abhängen zu lassen. Also setze auch ich mich mit dem Wagen aus der vorgesehenen Schlange ab, schlängle mich an ein paar verdutzten Touristen vorbei direkt in die Frontlinie, und siehe da, niemand beschwert sich. Nach einigem Schieben schaffe ich es das Feld von hinten aufzuräumen und als Zweiter auf das Boot zu kommen. Entspannt lehne ich mich auf dem Oberdeck des Schiffes zurück, um noch eine weitere Stunde die Entwirrung des Chaos zu beobachten.

Das letzte Auto, natürlich ein Mercedes, muss besonders wichtig sein. Denn obwohl das Boot voll ist lässt man es auf die Klappe der Fähre fahren, die vor dem Ablegen hochgefahren wird… Ich war die komplette Fahrt gebannt davon, ob eine Welle dafür sorgt, dass der Benz auf seine amphibischen Fähigkeiten geprüft wird.





Der See ist hier gestaut, hat eine intensive türkisene Farbe und wird von steilen Bergen begrenzt. Wäre es nicht so heiß könnte man denken in den Fjorden Skandinaviens zu sein. Wir lernen ein paar nette Kosovoalbaner kennen, die auf dem Weg in die Heimat sind. Außerdem gehören zu den Passagieren viele Backpacker, Enduro-Motorradfahrer sowie andere Hobbyabenteurer, bei denen sich die Fahrt mit der Koman-Fähre herumgesprochen hatte.

Uncool ist es zu sehen, wie Albaner einfach Dosen in die türkisene Idylle vom Boot werfen.

Am Ufer sehen wir immer wieder Steinhäuser mit Plantagen. Laut unser Kosovo-albanischen Kumpels handelt es sich hier um ein sehr lukratives Cannabisanbaugebiet.



Das Ausladen nach der dreistündigen Fahrt geht deutlich schneller am Anleger des Ankunftsortes, an dem es keine Barrieren gibt.

Glücklich über die Freiheit und die leere Straße sausen wir davon in Richtung des märchenhaften Valbona-Tals-

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